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Der Fixer und die Oma
Autor: Toni Feller
Eingestellt am: 21.11.2003
Dieser Text im pdf-Format: Feller_Der-Fixer-und-die-Oma.pdf (28 kByte)
Seite 5 von 9

„Ich hätte nichts dagegen“, meint Heiko ein wenig unbeholfen. „Ja dann würde ich vorschlagen, dass Sie mich morgen um die gleiche Zeit besuchen kommen“, erwidert Frau Wassmer mit heiterer Stimme. „Mögen Sie Kuchen? Ich würde liebend gerne mal wieder einen backen.“ „Da sage ich nicht nein“, bringt Heiko schnell hervor. Er kennt sich selbst nicht mehr. Jetzt ist er zweiundzwanzig Jahre alt und ein kaputter Fixer, der sich mit einer alten Frau einlässt. „Was ist nur los mit mir?“, fragt er sich.

Am nächsten Tag kann er es kaum erwarten, bis es fünf Uhr ist. Schon lange vorher setzte er sich einen Schuss, um bei der alten Dame fit zu sein und so lange reden zu können, wie ihm danach zumute sein würde. „Hoffentlich merkt sie mir nichts an“, denkt er mit mulmigem Gefühl.
Noch eine Preludin einwerfen - das ist ein Aufputschmittel - und dann drei Stockwerke tiefer gehen. „Vielleicht ist heute etwas bei der Alten zu holen“, kommt Heiko spontan in den Sinn. Der Gedanke verschwindet aber gleich wieder aus seinem heroinvermatschten Gehirn.

Er muss nur einmal klingeln. Sie öffnet gleich die Tür. „Wie sie sich herausgeputzt hat. Sieht wirklich adrett aus. Früher war sie sicher einmal eine schöne Frau. Auf jeden Fall ist sie heute ein hübsches kleines Omichen. Da gibt es keinen Zweifel. Nicht so aufgetakelt, wie manche alten Leute in der Stadt. Ganz natürlich sieht sie aus“, stellt Heiko fest. „Klein ist sie, höchstens einsfünfzig und zierlich. Dazu ein kleines Bückelchen. Aber das sieht man bei alten Menschen öfters, besonders bei jenen, die früher viel arbeiten mussten.“
Der Kuchen, das erste Stück seit wie lange schon, schmeckt Heiko vorzüglich. Es vermittelt ihm fast ungewollt etwas von dem Gefühl, das er früher immer wohlig in sich spürte, wenn seine Mutter, manchmal extra für ihn, einen Kuchen gebacken hatte.
„Inzwischen bist du jedoch erwachsen und ein Mann. Da darf man solche Gefühle erst gar nicht aufkommen lassen“, würde sein Vater sagen.

Wie am Vortag kommt gleich eine richtige Unterhaltung zustande. Die alte Frau erzählt von ihrer Jugend. Heiko stellt fest, dass es damals nicht viel anders war als heute. „Die hatten auch ihre Probleme. Vielleicht war nicht alles so stressig wie heute, aber dafür sah ihre Zukunft noch beschissener aus.“

„In den zwanziger und dreißiger Jahren haben viele ums nackte Überleben gekämpft“, erzählt sie. „Genau wie ich“, fällt Heiko ein. „Nur muss ich darum kämpfen, dass ich den verflixten Stoff bekomme, und die mussten damals eben ums Essen kämpfen.“ An dieser Stelle wäre Heiko fast wieder in sein altes Selbstmitleid verfallen, doch dazu bleibt keine Zeit, weil die alte Frau munter weiter erzählt. Dabei lacht sie manchmal so herzerfrischend und so spitzbübisch, dass Heiko nichts anderes übrig bleibt, als lauthals mit zu lachen. Überhaupt, wann hatte er das letzte Mal so gelacht? Wie lange war das schon her?

Auch Heiko erzählt von sich, von seiner Kindheit, und vor allem von seiner Mutter, die viel zu früh gestorben ist. Frau Wassmer hört geduldig zu, macht gelegentlich ein Spässchen, wenn es angebracht erscheint, wird jedoch wieder ganz ernst, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, wie sich Menschen gegenseitig quälen und kaputtmachen. In dieses Thema kann sie sich richtig hinein steigern. Heiko gefällt das.
Spät ist es geworden. Schon zweiundzwanzig Uhr. Wenn die alte Dame nicht so müde geworden wäre und Heiko nicht wieder der Entzug zu schaffen gemacht hätte, wären sie noch länger zusammen gesessen.

„Es gibt so viel zu erzählen“, meint sie, und lacht noch einmal ganz verschmitzt. Dann verabschiedet sich Heiko von ihr. Die Hand, die sie ihm entgegenstreckt, fühlt sich warm und kräftig an. Nicht so, wie es sich Heiko bei alten Leuten vorgestellt hatte. Irgendwie spürt Heiko, dass von diesem Händedruck, von dieser Frau trotz ihres hohen Alters noch etwas Besonderes ausgeht: Hoffnung, Zukunft, Wärme und Geborgenheit.



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