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Die alte Linde
Autorin: Nikola Hahn
Eingestellt am: 31.12.2003
Die Linde im Stadtpark war Elfriedes Lieblingsplatz. Sie konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als auf der verwitterten Bank darunter zu sitzen und an die Vergangenheit zu denken. Im Schatten des alten Baums kehrten die Jahre ihres bewegten Lebens zurück und vertrieben für ein paar Stunden die Einsamkeit.
Hier hatte sie ihre erste große Mutprobe bestanden! An ihrem sechsten Geburtstag war sie mit dem Nachbarsjungen August bis in den dichtbelaubten Wipfel der Linde geklettert. Wie stolz sie gewesen war! Bis heute hörte sie Augusts Lachen, als sie beim Abstieg kopfüber ins Gras purzelte. Jahre später, an einem warmen Juniabend, saßen sie Hand in Hand unter dem Baum und atmeten die Süße seiner Blüten.
„Ich liebe dich“, sagte August leise, und seine Stimme hatte die kindliche Unbefangenheit verloren. An Elfriedes achtzehntem Geburtstag heirateten sie, und zur Ehre des Tages ritzte August ein Herz in die Rinde des Stammes. Man konnte es noch sehen, als im Jahr darauf Maria zur Welt kam, aber dann verwuchs es nach und nach, eingebunden in das Leben des Baumes, unter dem die jungen Eltern mit ihren Kindern spielten und lachten – bis der Krieg ihre Welt in Trümmer legte. Wie ein Schutzwall stand die Linde inmitten der Zerstörung, und als das Sterben endlich sein Ende fand, betete Elfriede unter dem frühlingsgrünen Blätterdach für die Rückkehr ihres Mannes. Er kam heim, aber nur für wenige Jahre.
Seitdem ging sie jeden Tag zum Friedhof und von dort in den Park, und die knospenden Blätter im Frühjahr, die duftenden Blüten im Sommer und das fallende Laub im Herbst erinnerten sie daran, dass die Zeit verging.
Eines Tages, die Blätter der Linde trugen wieder einmal die Farben des sich neigenden Jahres, legte sie ihre Hände an den mächtigen Stamm und sah in die Krone hinauf. „Du hast mir in meinem Leben mehr gegeben als alle Verwandten und Bekannten zusammengenommen“, sagte sie. „Selbst meine Kinder besuchen mich nur, wenn sie Geld wollen. Niemand hat mehr Zeit, und für alte Leute wie mich schon gar nicht.“
Eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschob, hatte die Worte gehört. Sie blieb stehen und sah Elfriede an. Zwei Augenpaare trafen sich, das eine geschminkt und jung, das andere faltig und alt: Ein wortloser Augenblick, und die junge Mutter setzte ihren Weg mit schnellen Schritten fort, als gelte es, die vertanen Sekunden nachzuholen.
Traurig sah Elfriede ihr hinterher. „Niemand hat mehr Zeit“, murmelte sie und strich über die rissige Rinde.
Unter der Linde hatte sie die Zeit gefunden, die andere immerzu suchten. Aber es gab keinen Menschen, mit dem sie ihren Schatz hätte teilen können.



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