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Baumgesicht
Autorin: Nikola Hahn
Eingestellt am: 04.04.2005
Als Astrid den Namen las, wußte sie, daß ihre Suche zu Ende war. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis sie die Bedeutung des Wortes begriff, das in nüchternem Amtsdeutsch auf der Akte stand und keinen Platz mehr für Gefühle ließ: Leichensache. Sie blätterte, bis sie zu der Seite mit den Fotos kam, starrte auf den ausgemergelten Körper, das zerstörte Gesicht, die langen blonden Haare, auf die sie früher so neidisch gewesen war ...


Astrid und Sandra waren zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, und daß sie im Sandkasten trotzdem miteinander spielten, lag daran, daß Astrids Mutter ihre sensible Tochter davon abhielt, sich in eine stille Ecke zu verdrücken, während Sandras Mutter aufpaßte, daß ihr quirliger Sproß Astrids Sandburgen stehen ließ.
Die Mädchen waren in eine Welt geboren worden, in der zaghafte Zeichen andeuteten, daß das Wirtschaftswunder der goldenen Fünfziger nicht endlos weitergehen würde. Darüber hinaus hatte das Schreckgespenst Contergan das Vertrauen ihrer Mütter in die ärztliche und pharmazeutische Allmächtigkeit so nachhaltig getrübt, daß sie sich sogar geweigert hatten, während der Schwangerschaft Calciumtabletten zu nehmen. Vielleicht kam es daher, daß ihre Töchter auf Pillen und Pulver jeglicher Form und Farbe äußerst abwehrend reagierten, was die Phase der Kinderkrankheiten zur besonderen mütterlichen Qual werden ließ.
„Wenn sie wenigstens ein bißchen Hustensaft nehmen würde, statt mich die ganze Nacht wachzuhalten“, beschwerte sich Sandras Mutter jedes Jahr aufs neue, sobald die Erkältungszeit nahte – nicht ahnend, daß ihr Wunsch Jahre später auf fatale Weise in Erfüllung gehen sollte.

Sandra und Astrid wurden noch durch einen anderen Umstand in ihrer Entwicklung geprägt: Die in den sechziger Jahren begonnene und in den Siebzigern forcierte auto- und maschinengerechte Landschaftsgestaltung machte auch vor dem kleinen Dorf am Rande des Westerwalds nicht halt, in dem die Mädchen aufwuchsen. Während sich die schmalen Handtuchäcker, die wie Flicken auf den steinigen Hügeln lagen, nur unter größeren Anstrengungen flurbereinigen ließen, hatte man mit der Lindenallee weniger Probleme. Die alten Bäume, die seit hundert Jahren die Zufahrtsstraße zum Dorf säumten, fielen innerhalb von zwei Tagen einer modernen Streckenführung zum Opfer. Das Kreischen der Kettensäge und das Knarren der fallenden Bäume ging den Mädchen lange nicht aus dem Sinn, und die sonst so fröhliche Sandra weinte, als sie die sägebemehlten Stümpfe berührte.


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