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Baumgesicht
Autorin: Nikola Hahn
Eingestellt am: 04.04.2005
Seite 2 von 3

Für die Erwachsenen mochten die Bäume störend gewesen sein, die Kinder verloren mit ihnen Freunde, denen sie guten Tag gesagt hatten, wenn sie zum nahen Gansbach gingen. Jetzt fehlte das Bindeglied zwischen Böschung und Bach: Entblößt lag die Chaussee in der gleißenden Sonne.
Schlimmer noch als das Fällen der Linden war für die beiden Mädchen der Tod der drei mächtigen Kastanienbäume gegenüber dem Bahnhof. Alle Kinder des Dorfes liebten sie, bewunderten im Frühsommer die klebrigen zartrosa Blüten und konnten es im Herbst kaum erwarten, die ersten braunweißgefleckten Kastanien aus ihrem stachligen Kleid zu schälen.
Als die neue Straße fertig war, taufte man sie von Bahnhofsweg in Kastanienallee um, und die Autofahrer freuten sich über die frisch geteerte Fahrbahn, auf der sie im Gegensatz zu früher bequem aneinander vorbeifahren konnten. Doch an den sauber gefaßten Rändern lockten keine Geheimnisse mehr.

Aber noch gab es die alte Silberweide, die auf einer winzigen Insel im Gansbach stand und von den Kindern Baumgesicht genannt wurde, weil das Gewirr ihrer kahlen Äste und Zweige im Winter wie ein Menschenkopf aussah, dem der Wind das Haar zerzaust hatte. Astrid und Sandra liebten es, darin herumzuklettern. Selbst wenn der Schwung einmal nicht reichte und eins der Mädchen im Wasser landete, ließen sie es sich nicht nehmen, wiederzukommen.
Die Veränderungen machten sich langsam bemerkbar, und nur wer wie Astrid und Sandra jeden Tag draußen umhertollte, nahm sie wahr: der neue Schuttabladeplatz neben dem Bach, die Überlaufbecken der Aluminiumfabrik, die das Wasser eingrauten, der Abriss der verwitterten Holzbohlenbrücke, das Neubaugebiet, das die Rodelbahn belegte, das Verschwinden von Zittergras, der Schlüsselblumenwiese und der Dornenhecke, in der Igel und Zaunkönig wohnten. Aber immer noch leuchteten die gelben Tupfer der Sumpfdotterblumen am Bachufer, und in einem rosa Teppich aus Wiesenschaumkraut wuchsen wilder Sauerampfer und süßer Klee, von dem die Mädchen besonders gern naschten – bis der angrenzende Steinmetzbetrieb expandierte und die Wiese in eine Steinwüste verwandelte, in der Sandra eines Tages ihre überfahrene, schon steifgewordene Katze Susi fand.
Zuletzt erwischte es auch das Baumgesicht, als der Gansbach in Rohre unter die Erde verbannt wurde. Zu dieser Zeit besuchten Astrid und Sandra das Gymnasium und waren längst aus dem Alter heraus, in dem man Bäumen Namen gab. Und die Kinder der folgenden Generation hatten andere Spiele. Sie trauerten dem alten Baum keine Träne nach. (...)



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