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Der Fixer und die Oma
Autor: Toni Feller
Eingestellt am: 21.11.2003
Dieser Text im pdf-Format: Feller_Der-Fixer-und-die-Oma.pdf (28 kByte)
Seite 8 von 9

„Um die Patientin steht es sehr schlecht. Es ist zu befürchten, dass sie die Nacht nicht überlebt.“
„Sie hat heute Geburtstag, wird vierundachtzig, darf ich zu ihr? Bitte!“ „Das ist unmöglich!“ „Bitte, bitte! Ich..., ich muss. Sie ist doch meine Oma.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen schaut ihn der Arzt noch einmal durchdringend an. Dann atmet er hörbar durch und zuckt schließlich mit den Schultern. „Na gut, wenn Sie tatsächlich der einzige Angehörige sind, meinetwegen. Aber ich warne Sie. Es ist nicht leicht, einen Menschen sterben zu sehen.“ Heiko schluckt und er bemerkt, dass er schlagartig einen trockenen Hals bekommt. Er muss er einen grünen Arztkittel anziehen, den ihm jemand hinten zuknöpft. Außerdem drückt man ihm Plastiküberschuhe in die Hand, die er sich wie in Trance über seine Stiefel zieht. Anschließend führt man ihn wie ein kleines Kind zu einem Handwaschbecken, wo er sich die Hände waschen und desinfizieren muss. Endlich begleitet ihn der Arzt durch eine Schleuse in die Intensivstation.

Heiko erschreckt zu Tode, als er Frau Wassmer erblickt. Ihre Haut ist fast so weiß, wie das Bett auf dem sie liegt. Ebenso ihr Haar. Und ihr Kopf? Er sieht aus, als ob er mindestens um die Hälfte zusammengeschrumpft wäre. Im Mund steckt ein dicker Schlauch. Zwei dünnere in der Nase. Am Oberkörper und an beiden Händen sind Saugnäpfe angeklebt an denen verschieden farbige Kabel angeschlossen sind. „Wie bei einem Starkstromgenerator“, kommt es Heiko kurioserweise in den Sinn. Auf einem Regal über dem Bett und auf einem kleinen Beistelltisch sind mehrere Apparate aufgebaut. Es piepst und summt gleichmäßig.
Erst traut er sich nicht. Doch dann geht Heiko vorsichtig und langsam zu dem hin, was von seiner lustigen und lebensfrohen Oma übriggeblieben ist.

„Omichen, was machst du denn für Sachen?“, hört er sich sagen. „Stimmt’s, du wolltest nach mir sehen, weil ich so lange nicht gekommen bin? Hast dir wohl Sorgen um mich gemacht?“ Heiko setzt sich auf einen Hocker, der neben dem Bett steht und berührt sachte die Hand der alten Frau. Dann dreht er sich um und schaut hilflos zu dem Arzt hoch. Der nickt ihm zu und nun beginnt Heiko zu erzählen, wie es ihm heute so ergangen ist. Warum er sich verspätete und dass er sich deshalb die größten Vorwürfe macht. „Das scheiß Rauschgift ist daran schuld, das verfluchte Gift, das verfluchte!“
Zum ersten Mal erzählt er auch, wie sehr er seine Mutter vermisst, heute noch, genauso wie am Tag ihres Todes. Im Grunde genommen hatte mit dem Tod der Mutter die ganze Scheiße angefangen. Das Haschisch und später das Heroin waren dann eine Flucht vor dem schwarzen Loch, in das er hineinfiel und aus dem er ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen würde. Yasmin hätte ihm die Hilfe geben können, wenn sie bei ihm geblieben wäre. Aber ihr Vater, dieser Spießer. Oder war er vielleicht doch selbst schuld? „Ich gebe ja zu, dass ich nicht gerade wie ein idealer Schwiegersohn aussehe. Aber wenigstens hätte er mir eine Chance geben können. Mit einem bisschen guten Willen auf beiden Seiten wäre es bestimmt gegangen. Menschenskind, aus dieser Sicht habe ich es eigentlich noch nie betrachtet“, wundert sich Heiko. Er merkt nicht, wie ihm beim Erzählen dicke Tränen über die Wangen kullern, und er merkt auch nicht, dass der Arzt erstaunt die Apparate und Monitore beobachtet. Heiko erzählt weiter und weiter, so als ob er zu Hause bei der alten Frau auf dem Sofa säße.
Ihre Hand hält er jetzt richtig fest, und als er dann sagt, dass er sie einfach brauche und sie ihn um Gottes Willen in dieser kalten Welt nicht allein lassen soll, bemerkt er einen leichten Gegendruck in seiner Hand. Wie elektrisiert ist er dadurch, genau wie damals, als sie ihm unter der Tür das erste Mal die Hand gab. Und er spürt, dass von dieser Hand noch so viel Kraft ausgeht, dass es reicht zum Überleben.



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