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Was bleibt
Autor: Jens Mayer
Eingestellt am: 21.02.2003
Seite 2 von 2

Attraktiv genug scheine ich für Schmeißfliegen zu sein. Ein grünmetallisch-schimmerndes Exemplar der Gattung Lucilia caesar überfliegt mich mehrmals (Welch Dimensionen für so ein Ding), bevor es unzählige Eiballen im Bereich um das Einschussloch auf meinem Rücken ablegt.
Es stellt sich mir die Frage, ob das rastlose Surren durch die beiden Flügel erzeugt wird oder ob es sich dabei um Laute zur Kommunikation handelt. In der Nähe der Ohren war mir dieses dauernde Hochtönen stets unangenehm. Eine Lösung hierauf zeigt sich jedoch bis zum nächsten Tag nicht, an dem sich dieses Meer von Eiern zu gelblichen Maden verwandelt. Beinlosen Ungeheuer, die im Bertelsmann-Lexikon direkt nach der Mademoiselle, diesem gnäd´gem Fräulein, geführt werden. Vermutlich soll das darüber hinweg täuschen, wie sie hässlich und ohne Kultur sind. Diese kleinen Biester springen auf mir herum, bald einen halben Meter hoch, dass ich mich maßlos darüber ärgere. Wer ist man denn, dass man sich das bieten lassen muss?!
Das zeigt, in welcher paradoxen Situation man als Toter ist, welche sich bei allem Wollen und Bemühen nicht ändern lässt. Das macht wohl den größten Unterschied zum lebenden Menschen aus. Mir sind alle Möglichkeiten des Handelns genommen. Laut Gesetz der Bundesrepublik Deutschland für seine Bürger bin ich gar nur mehr eine Sache. Kein toter Mensch, nein, eine Sache. Da befinde ich mich in Gesellschaft von Schuhkarton und Einwegflaschen. So wird das, was mir zuvor Natur war, nämlich Handeln, Bewegung, überhaupt nicht mehr erwartet. Das, was einzig erwartet wird, ist das Sein. Meiner Ansicht nach zu wenig, wenn sich der Körper kurz vor der feindlichen Übernahme durch Larven befindet, von denen ich weiß, dass sie sich gewöhnlich in Misthaufen und anderem Ekelerregenden hausen. Das stört mich ungemein.
Einige Tage muss ich dieses Schauspiel mit wachsendem Zorn beobachten. Dann werden sie ruhiger, das Hüpfen lässt nach. Die Party ist zu Ende. Verpuppen ist nicht besser. Sie nisten sich bei mir ein. Ernähren sich von meinem Gewebe, das ich immer stärker hasse. Diese widerliche Grünfärbung, durchsetzt von Blasen aller Größen. Das ist bullshit. Zu meinem Glück fehlt eigentlich nur noch der Rotbeinige Schinkenkäfer. Necrobia rufipes, das ist doch dein Biotop: ein faulender Körper übersät mit Larven und Puppen. Ja, dann wäre die Kacke perfekt.
Scheiße, wie lange muss ich das noch aushalten? Wo sind die ewigen Jagdgründe, von denen mir die ganze Welt mein dämlich kurzes Leben hindurch gepredigt hat?
Ich befinde mich in einer Spirale der Gewalt. Zorn erwachst zu einem Riesen, der das Gefängnis meines leblosen Körpers sprengen will. Dessen Stillstand provoziert. Hass, Verbitterung, Wut verbünden sich, drängen gegen ihn. Doch sein bloßes Sein scheint übermächtig. Das Überschäumen meines Verstandes droht und doch bleibt mir nur das Wahrnehmen, das Feststellen, das dem so ist. Das Gehirn lernt zu trauern. Das zuerst erwartete Überschäumen wird zu einem Wünschen danach. Kirre zu werden scheint mir die Erlösung. Das Wissen der Unwahrscheinlichkeit dessen Eintretens wird zur Qual, die in mir zerrt. Wie lange noch?!
Mit den Tagen konzentriert sich die Spannung in mir. Ähnlich der Larven verpuppe ich. In diesem Panzer bildet sich ein willkürliches Reigen aus Gedanken, Gefühlen und meinem Willen. Ich suche deren Einheit, ein System, um mich daran zu klammern, es zu entwirren. Hoffnung, zurück zu finden. Folge dem einen, dem anderen, doch ohne Schritt zu halten. Wende mich neuem zu, verliere mich in dessen Vielfalt. Erfahre Elemente als Ansammlungen, die sich bei meinem Nähern in unzählige kleinere Einheiten verflüchtigen. Mein Streben erzeugt Spannung. Ich implodiere. Mein Sein wird zunichte.


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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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