Kopf
Home
Idee & Ziel
Schreib einfach!
Die Texte
Die Autoren
Verein
Buchprojekte
Shop
Presse
Termine
News
Blog
Links
Gästebuch
häufige Fragen (FAQ)
Kontakt
Newsletter
Polizei-Poeten Logo
Polizei
Blattschuss
Autor: Andreas Reiser
Eingestellt am: 10.02.2007
Samstagmorgen. Ein schöner Tag. Mein Streifenpartner und ich fahren mit dem Bully auf den Forst- und Waldwegen im Naherholungsgebiet Streife. Wir genießen die Herbstsonne. Unsere wohligen Gedanken werden durch eine etwas unausgeschlafene Stimme aus dem Führungs- und Lagezentrum (FLZ) abrupt beendet: "Uran 1/210, fahren Sie zur Landesstraße X. In Höhe des Wanderparkplatzes Y wird ein Wildunfall gemeldet. Ein Reh wurde verletzt!" Wir sind unweit der Unfallstelle und nach wenigen Minuten vor Ort.

Am rechten Straßenrand steht ein Pkw. Ein etwas aufgelöst wirkender Kraftfahrer zeigt auf ein braunes, haariges Bündel auf der Fahrbahn. Ich trete näher, um das Tier anzuschauen. Das Reh liegt auf der Brust, die Vorderläufe unter sich begraben. Mit den Hinterbeinen steht es. Es hat den Anschein, als verharrte es beim Aufstehen. Es will weglaufen, aber die Vorderbeine versagen ihren Dienst, sind offensichtlich gebrochen.

Ich übermittle meinem Wachhabenden den Sachverhalt und bitte darum, dass der zuständige Förster vorbeikommt, um das Tier zu töten. Wulf hat wie immer mitgedacht und gibt mir durch: "Den Förster habe ich bereits verständigt. Er kommt. Er trifft allerdings erst in ca. 45 Minuten bei euch ein. Wollt ihr solange warten?" Nein, das wollen wir nicht. Das Tier hat sicherlich starke Schmerzen. Mein Streifenpartner und ich schauen uns an. Nach kurzem Zögern sag ich: "OK, ich mach’s."

Mit der Maschinenpistole in der Hand trete ich dem verletzten Tier in einer Distanz von wenigen Metern gegenüber. Ich knie mich hin und ziele. Das Tier schaut mich mit ängstlichen, kastanienbraunen Augen und feuchter Nase an. Schau mich bitte nicht so an, denke ich. Ich kann wirklich nichts dafür, dass ich dir nun das Lebenslicht auslöschen muss. Mir wird klar: wenn ich mein tägliches Essen selbst erlegen müsste, würde ich zum Vegetarier mutieren.

Kimme und Korn sind auf den Kopf des Tieres gerichtet. Der erste Schuss bricht. Der Kopf wird nach hinten gerissen, schleudert zurück auf die Fahrbahn und richtet sich wieder auf. Getroffen habe ich, wie auch unschwer am Einschussloch in Stirnhöhe zu erkennen ist. Aber warum bist du nicht tot, denke ich? Das Reh schaut mich vorwurfsvoll an und scheint zu fragen: "Warum tust du das?" Ich drücke ein zweites Mal ab. Mist, der Kopf ist immer noch aufgerichtet. Ich feure ein drittes Mal. Das Tier bricht endlich zusammen und bleibt auf der Seite liegen. Ich rede mir ein, etwas Gutes getan, das Tier von seinen Schmerzen befreit zu haben.

Dreimal habe ich geschossen, es fehlen aber sechs Patronen. So was Dummes! Habe ich doch in der Aufregung unwillkürlich nach jedem Schuss durchrepetiert. Das Leid des Tieres ist mir doch mehr zu Herzen gegangen, als ich mir eingestehen wollte. Das Trainieren auf der Schießbahn ist eben das Eine, das Schießen auf ein Lebewesen das Andere.

Nach der Unfallaufnahme warten wir noch auf das Eintreffen des Försters und übergeben ihm das getötete Reh. Er bedankt sich. Die versehentlich ausgeworfenen und unverbrauchten Patronen liegen wohl irgendwo im hohen Gras im Straßengraben. Ich kann sie nicht mehr finden. Für die Meldung über den Schusswaffengebrauch und den Ausgleich der Munition gebe ich an das FLZ durch: "Das Reh wurde mit sechs Schüssen nieder gestreckt!"

   1  2   weiter
(5934)
Share in Facebook

* Aktuelles * (24.11.2017)
News:

Neue Texte:
Himmelfahrtskommando (T. Knackstedt)

Neue Autoren:

"Ich entschloß mich von dem Standpunkt meiner eigenen Erfahrungen zu schreiben, von dem was ich wusste und was ich fühlte. Und das war meine Rettung...

... Was ist Original? Alles was wir tun, alles was wir Denken existiert bereits und wir sind nur Vermittler. Das ist alles. Wir machen von dem Gebrauch was bereits in der Luft ist."
Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
Newsletter
Zum Bestellen unseres Newsletters senden Sie bitte eine eMail an:
info@polizei-poeten.de

Home   Idee & Ziel   Schreib einfach!   Die Texte   Die Autoren   Verein   Buchprojekte   Shop   Presse   Termine   News   Blog   Links   Gästebuch   häufige Fragen (FAQ)   Kontakt   Newsletter   
Impressum & Datenschutz    eMail an uns

©2002..2017, POLIZEI-POETEN, Volker Uhl, Robinienweg 6, D-79189 Bad Krozingen
Besucher (seit 1.9.2002):
counter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conception


gestaltet von: Web-Conception Internet Service   www.web-conception.de