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Polizei
Hilflosigkeit
Autor: Andreas Reiser
Eingestellt am: 04.01.2007
Georg ist 18 Jahre alt und Fahranfänger. Er fährt mit seinem "neuen" Gebrauchtwagen in die Großstadt und möchte an diesem Wochenende seine Verwandten besuchen. Neben ihm sitzt seine Mutter. Da er sich nicht auskennt, verfährt er sich und will am Ausgang der Neckarvorstadt wenden. Er hält das Grünlicht für den Geradeausverkehr für maßgeblich und fährt an. Ein fataler Irrtum! Beim Queren der Gleise im Kreuzungsbereich wird er von der parallel herannahenden Stadtbahn erfasst. Trotz sofortiger Notbremsung konnte der Stadtbahnführer die Kollision nicht verhindern. Die vordere Kupplung der Stadtbahn bohrt sicht durch die Fahrertüre des Pkw ins Fahrzeuginnere und 80 bewegte Tonnen schieben den quergestellten Pkw über die Kreuzung in die angrenzende Haltestelle.

Als unser Unfallaufnahmeteam an der Unglückstelle eintrifft, sind die Sanitäter, Feuerwehr, Revierkollegen und der Notarzt bereits vor Ort. Der Pkw von Georg ist zwischen der Stadtbahn und dem Hochbahnsteig verkeilt und nur noch ein deformierter Haufen Blech. Die Beifahrerin ist wie durch ein Wunder körperlich unversehrt und kann nach Aufschneiden des Daches durch die Feuerwehr aus dem Fahrzeug gezogen werden.

Georg ist bewusstlos und nach Auskunft des Notarztes bei seinem Eintreffen noch am Leben. Die Ersthelfer kommen nicht an ihn heran. Sein Körper ist zwischen Steuerrad und Fahrersitz seines Pkw sowie der Kupplung der Stadtbahn eingeklemmt. Die Stadtbahn muss zunächst mit einem Kran angehoben werden, um die Verkeilung zu lösen und Georg befreien zu können. Die Minuten verrinnen. Tatenlos müssen wir zusehen, wie Georg verblutet. Als wir endlich zu ihm vordringen, ist Georg tot.

Kann es für eine Mutter etwas Schlimmeres geben, als dem eigenen Kind ins Grab nachzuschauen? Wohl kaum. Die Mutter steht unter Schock, scheint paralysiert, hat noch nicht realisiert, was soeben passiert ist. Eine Kollegin nimmt die Frau bei der Hand und führt sie in den VW-Bus. Sie spricht mit ihr, versucht zu trösten. Ich bin ihr ausgesprochen dankbar, dass sie diesen schwierigen Part übernimmt, bis der Kriseninterventionsdienst eintrifft.

Immer mehr Schaulustige und Gaffer finden sich an der Unglückstelle ein und beobachten das Bemühen der Ersthelfer und Rettungsleute aus der Distanz. Der Reporter der Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben hat im zweiten Stock eines angrenzenden Wohnhauses seinen Standort eingenommen, um die Szenerie besser im Bild einfangen zu können. Aus der Psychologie wissen wir, dass es sich um ein intuitives menschliches Verhalten handelt. Der Mensch möchte sein Informationsdefizit ausgleichen, sein Handlungsmuster perfektionieren, sein Überleben sichern. Mag sein. Auf mich wirkt diese Sensationsgier einfach nur abstoßend.

Als wir den Leichnam aus dem Fahrzeug bergen, stehen mehrere Kollegen und Feuerwehrleute mit ausgerollten Decken um uns herum, schirmen uns vor allzu neugierigen Blicken ab. Gut so! Aber wie schon beim erfolglosen Rettungsversuch von Georg bleibt für mich nichts als ein Gefühl der Hilflosigkeit.


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