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Tödlicher Kinoabend
Autor: Ronny Holz
Eingestellt am: 04.01.2007
Seite 2 von 3



Ich entschließe mich, nun doch die Treppe zum Bahnsteig hochzugehen. Der Typ in der roten Jacke steht mittlerweile auf dem Bahnsteig. Er wartet auf die Bahn ins Stadtzentrum. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Auf dem Bahnsteig sind noch vielleicht zwanzig andere Personen, alles sieht normal aus. Die wartenden Fahrgäste der S-Bahn haben von der Sache offenbar nichts mitbekommen. Oder ignorieren es. Ich drehe mich noch mal zu den Kollegen um, die inzwischen im Laufschritt in meine Richtung kommen – und schließlich an mir vorbei rennen.

Warum tun die das? Dass ich keine Uniform trage und als Kollege nicht zu erkennen bin, daran denke ich in diesem Moment nicht. Ich rufe den Kollegen hinterher: "Der mit der roten Jacke " Ich renne und sehe, wie auch der Täter plötzlich zu laufen beginnt. Er versucht den S-Bahnhof zu verlassen. Seine Plastiktüte und seinen Rucksack wirft er von sich. Bevor er das Bahnsteigende erreicht, bringe ich ihn mit einem der uniformierten Kollegen zu Boden und gebe mich als Kollege zu erkennen. Der andere Kollege hält seine Dienstwaffe in der Hand, aber als die Handschließe anliegt, ist die Gegenwehr des Festgenommenen vorbei.

Der zweite uniformierte Kollege sammelt den weggeworfenen Rucksack und die Tüte ein. Wir beschließen, den Festgenommenen zum Funkwagen zu bringen. Plötzlich erscheint ein Mann, offenbar jemand aus der Personengruppe, die den Streifenwagen gestoppt hatte. Ein Zeuge. Völlig außer sich ruft der Kerl: "Du Schwein, ich bring Dich um, Du hast ihn umgebracht!" Der Festgenommene beginnt plötzlich wie aus einem Koma zu erwachen und versucht, den schreienden Zeugen zu treten. Zwei Male treffe ich den Gefangenen im Gesicht, dann gibt er Ruhe. Der Zeuge wird vom Kollegen beruhigt und weggeschickt.

Mit dem anderen Kollegen schleife ich den Festgenommenen in Richtung Funkwagen. Der Gefangene macht keinen eigenen Schritt mehr. Er lässt seine Beine baumeln, schimpft leise vor sich hin. Immer schwerer wird die Last. Zwischendurch machen wir eine Pause, kurz verschnaufen. In dieser Pause greift einer der Kollegen zu seinem Funkgerät und setzt eine Meldung ab. Dann geht’s weiter. Rein in den Wagen mit ihm, denke ich. Wir kommen an der Personengruppe vorbei. Ich sehe Manu, wie sie bei einem jungen Mann hockt, der auf dem Boden liegt. Ich bin zu abgelenkt, um den Blick für die Einzelheiten zu haben. Als wir am Funkwagen ankommen, bin ich tierisch aus der Puste. Mit letzter Kraft setzen wir den Festgenommenen auf die Rückbank und schließen die Schiebetür.

Ich schau zu Manu. Sie hockt noch immer da am Boden, sieht betroffen aus. Was ist hier bloß passiert? Die Kollegen bitten mich, auf den Gefangenen aufzupassen, während sie sich um die Zeugen kümmern. Ich öffne also wieder die Schiebetür des VW T4, setze mich hinein. Ich sehe in das blutverschmierte Gesicht des Festgenommenen. "Was hast Du getan?", frage ich ihn. Er sagt nichts. Ich schaue wieder nach draußen. Manu hockt noch immer bei der Person am Boden, ein Kollege spricht mit einem Zeugen, der andere Kollege spricht in sein Funkgerät. "Hast Du einen Ausweis bei Dir?", frage ich weiter. Wieder sagt er nichts. Er schaut nach draußen und lacht vor sich hin.

Dann öffnet Manu die Schiebetür. Sie ist aufgeregt, ihre Stimme ist zitterig. "Er ist tot!", sagt sie zu mir. " Du hast gerade einen Menschen umgebracht!", schreit sie den Festgenommenen an. Ich bitte Manu, die Tür wieder zu schließen. Sie wartet draußen, spricht dann mit einem der Zeugen. Ich beginne die Tüte und den Rucksack zu durchsuchen. Nach einem Ausweis oder etwas ähnlichem. Als ich dort nichts Entsprechendes finden kann, durchsuche ich den Festgenommenen. Ich finde einen Studentenausweis, ohne Lichtbild. Viel Wert ist das nicht, aber immerhin steht ein Name drauf. Der Name klingt ausländisch, der Typ sieht ausländisch aus. Könnte passen.

Ein Rettungswagen der Berliner Feuerwehr trifft ein. Die Sanitäter rennen zu der am Boden liegenden Person. Kann der Junge wirklich tot sein?

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