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Polizei
Unzulässiger Lärm
Autor: Ronny Holz
Eingestellt am: 21.12.2006
Seite 3 von 4

Ich stelle mein linkes Bein zwischen seine leicht gespreizten Beine, drücke seinen Oberkörper gegen das Fahrzeug. Er wehrt sich kaum noch. Ich habe ihn im Griff. Melli steht neben mir, immer noch das Pfefferspray in der Hand.

Im Hintergrund höre ich das Martinshorn der zur Unterstützung heraneilenden Kollegen. Etwa fünf Personen laufen davon und verschwinden in der Dunkelheit. Das sind die, die dich angegriffen haben, denke ich. Ich ärgere mich, dass ich sie laufen lassen muss. Aber immerhin habe ich einen, den Verursacher. Dann trifft eine Zivilstreife unseres Abschnitts ein und nimmt mir den Beschuldigten ab, setzt ihn in unseren Einsatzwagen. Ich erkläre den Kollegen, was passiert ist.

Drei Frauen kommen auf mich zu und verlangen nach meiner Dienstnummer. Sie reden von Staatsgewalt, Polizeiwillkür und verletzten Grundrechten. Sie studieren Jura und ich hätte nicht rechtmäßig gehandelt, muss ich mir anhören. Dann kommt eine weitere Frau und verlangt, dass wir den Beschuldigten auf der Stelle frei lassen. Schließlich habe er sie mit den beleidigenden Worten angesprochen und nicht die Polizei. Wir hätten das alles falsch verstanden.

Auf die Kommentare reagiere ich gar nicht. Ich händige meine Dienstnummer aus und suche nach Melli. Ich frage sie, ob noch jemand von den Leuten anwesend ist, die mich angegriffen haben. Sie schüttelt den Kopf. Dann erkundige ich mich, ob mit ihr alles in Ordnung ist, ob sie auch angegriffen wurde. "Mir geht’s gut, alles okay", sagt sie. Während Melli sich die Personalien des Anrufers der Ruhestörung notiert - der Mann hat die Ereignisse beobachtet - suche ich nach weiteren Zeugen. Aber die wenigen noch am Ort anwesenden Personen weigern sich, mit mir zu reden oder ihre Namen zu nennen.

Ich gehe zum Einsatzwagen. Auf der Rückbank sitzt der Beschuldigte. Er schweigt, sagt kein Wort. Ich bedanke mich bei den Kollegen für die Unterstützung, spreche dann mit Melli die weiteren Maßnahmen ab.

Auf der zuständigen Gefangenensammelstelle (GeSa) wird der Beschuldigte erkennungsdienstlich behandelt und ihm wird eine Blutprobe entnommen. Dann kann er gehen. "Du wirst noch sehen, was Du davon hast! ", sagt er zu mir. Wie oft habe ich das schon gehört, denke ich.

Dann beginnen auf der GeSa die Schreibarbeiten. Anzeigen wegen Beleidigung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, versuchter Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung und Gefangenenbefreiung. Gegen 2:30 Uhr sind wir fertig mit den Berichten. Auf dem Weg zur Toilette fällt mir auf, dass mein Knie bei jedem Schritt schmerzt. Im Spiegel sehe ich mein zerrissenes Diensthemd, meine zerrissene Diensthose und meine blutige Lippe.

Gegen 3:30 Uhr sitze ich in der leeren S-Bahn auf dem Weg nach Hause. Ich habe eine knappe Stunde Zeit, den Einsatz Revue passieren zu lassen, lebe alles noch einmal durch. Hast Du alles richtig gemacht? Restzweifel bleiben. Mein Handy reißt mich aus den Gedanken. Es ist eine SMS von Melli, die fragt, ob alles okay ist.

Erst Tage später kommen wir dazu, die Sache gemeinsam aufzuarbeiten. Ich bedanke mich für ihr beherztes Einschreiten. Es hätte auch ganz anders ausgehen können. Melli und ich hatten in den Diensten zuvor die Palette an möglichen Einsätzen fast vollständig durch: Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten, Schlägereien, Messerstechereien, von der U-Bahn überfahrene Lebensmüde - eben alles, was der dienstliche Alltag in Berlin-Kreuzberg so mit sich bringt. Es war auch nicht der erste Widerstand.

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