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Hinter der Türe
Autor: Thomas Zierlinger
Eingestellt am: 14.12.2006
Seite 2 von 4

Du wachst schweißgebadet auf, schläfst wieder ein, nur kurz, um dann wieder von diesen Gefühlen, mal heiß, mal kalt, geweckt zu werden. Du verspürst eine innere Unruhe, völlig grundlos, den Drang etwas zu tun, was zu unternehmen und bist doch unfähig dazu. Dein Gehirn will das! Nur raus, nur raus hier, nur weg. Du willst es unterdrücken, es klappt nicht, läufst ziellos umher, kauerst dich zusammen und bleibst kraftlos liegen - bis zur nächsten Attacke. Zum ersten Mal begreifst Du wie sich ein Mensch fühlt, der kurz davor steht Suizid zu begehen, nur damit diese hässlichen, bösartigen, unkontrollierbaren Gefühle verschwinden.
Du benötigtest 30 Dienstjahre, um dies zu verstehen. Wie hat es dir gestunken, als Leichensachbearbeiter nachts um 02.00 Uhr ausrücken zu müssen, bloß weil es irgendwelchen Nachbarn plötzlich einfällt den XY schon lange nicht mehr gesehen zu haben und weil aus dessen Wohnung ein unangenehmer Gestank dringt. Man findet ihn nach der Wohnungsöffnung erhängt in einem Zimmer.
Du hast es bis heute nicht nachvollziehen können, warum sich ein Mensch das Leben nimmt. Das Leben ist so schön und es geht doch von alleine zu Ende, da braucht man doch nicht nachhelfen. Und schon gar nicht, wenn gerade du Bereitschaftsdienst hast.
Also hin zum Leichenfundort, Spuren sichern, Leiche untersuchen, Bilder machen, Zeugen vernehmen, Leichenwagen anfordern. Der Morgen bricht schon an, als du in Gedanken nach Hause fährst: „Hast Du auch nichts vergessen oder gar übersehen“? Die Klamotten runter in die Wäsche, unter die Dusche und noch zwei Stunden ins Bett. Rituelle Waschung nennst du diese Handlung, den Fall, die Situation auf Distanz halten, nicht ranlassen, an dich und die Familie. Deine Frau fragt noch im Halbschlaf: „Was war denn?“ „Wie immer halt“ antwortest du ausweichend und schläfst erschöpft ein.
Ja und jetzt begreifst Du zum ersten Mal wie es sich wohl anfühlt, wenn man als letzten Ausweg an Suizid denkt, nur damit diese seelischen Qualen ein Ende haben, damit dein Körper endlich Ruhe gibt. Mit dem letzten Rest an Vernunft handelst du richtig und begibst dich in die Notaufnahme.
Die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses, psychiatrische Abteilung, Klapse im Volksmund, in Irgendwo.
Polizeibeamte haben keine Depressionen, Ausrufezeichen. Die Ärztin belehrt dich eines Besseren: „Depressionen sind nicht berufsspezifisch und machen auch vor der Polizei nicht halt“. „Wir sind eine gemischte Station, aber haben sie keine Angst, das geht schon“, bereitet mich die Ärztin auf die Situation vor. Dann stehen wir vor der Türe mit dem kleinen Klingelknopf. Ein kurzer Druck, dann geht sie auf.
Dann ist sie zu, die Tür.
Die Türe, an der du früher oft Personen aus dem polizeilichen Gewahrsam an das Ärzteteam übergeben hast. Jetzt stehst Du selbst hinter der Türe.
Du versteckst dich zwei Tage hinter einem Buch, unterdrückst die ständigen Hitzewallungen und Attacken und beherrscht sie doch nicht.

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