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Der Blick zurück
Autor: Gregor Seider
Eingestellt am: 06.12.2006
Seite 2 von 2

Aufgrund des Unfalles kam es im Bereich der B1 / Heidekrug zu stockendem Verkehr in beiden Richtungen. Der, aus Richtung Polen kommende Unfallverursacher fuhr zu schnell an das Stauende heran, welches in einer Kurve lag. Da er nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, wich er auf den Fahrstreifen des Gegenverkehrs aus. Er kollidierte dort mit einem PKW, der aus Richtung Berlin kam.

So etwa klang der Pressebericht. Es beschreibt nicht ansatzweise das Chaos, das ich sah. Das Fahrzeug des Unfallverursachers stand quer zur Fahrbahn, verkeilt in einer Leitplanke. Die komplette Fahrerseite des PKW war eingedrckt. Aus dem Auto konnte ich Schreie hren. Ein "Ersthelfer" hatte angehalten, rannte kopflos hin und her. Als er mich sah, konnte ich die Erleichterung in seinem Gesicht sehen, eine Erleichterung, die ich nicht im Geringsten nachempfinden konnte, denn ich war allein.

Ich sah den anderen Unfallwagen. Ein Kleinwagen. Er stand direkt vor dem Fahrzeug des Unfallverursachers, seine Front war eingedrckt, sah im ersten Moment berhaupt nicht schlimm aus. Ich wusste nicht, was ich zuerst machen sollte. Ich sprang aus dem Auto und rannte zu dem Kleinwagen. Es saen zwei Leute drin. Zwei ltere Damen.

Die Seitenscheibe der Fahrerseite war geborsten und lag zersplittert zu meinen Fen vor dem Auto. Ich sah Blut unter dem Auto hervor flieen und ich wusste nicht, woher es kam. Ich blickte ins Auto. Die beiden Damen saen vllig regungslos auf Fahrer- und Beifahrersitz ihre Augen waren geschlossen. Vllig verwirrend war, dass sich beide aufs Haar glichen. Ich sprach sie an, na ja, eigentlich schrie ich in das Fahrzeug. Keine Reaktion.

Im Dunkeln konnte ich nicht erkennen, ob sich eventuell der Brustkorb bewegte. Ich machte etwas, was ich zuvor noch nie gemacht hatte: ich versuchte, den Puls zu fhlen. Ich beugte mich in das Fahrzeug, griff mit meiner linken Hand hinein, ertastete den Hals der Frau. Er war warm. Ich versuchte, den Puls zu fhlen. Fnf Sekunden. Zehn Sekunden. Ich konnte beim besten Willen nichts fhlen. Irgendwie hat man ja doch noch seinen Erste-Hilfe-Kurs in Erinnerung. Mit dem Wissen, dass ich die Wiederbelebung wenigstens versuchen msse, zog ich meine Hand zurck, packte den Trgriff und wollte die Tr ffnen. Es ging nicht. Wahrscheinlich sah ich wirklich komisch aus: ich zog und zerrte an dem Griff, die Tr ging einfach nicht auf, und dann dann passierte etwas.

Bis heute kann ich nicht recht erklren was es war. Ich habe nur einen vagen Vergleich, um es zu beschreiben: bei meiner ersten Prgelei, in der 11. Klasse, war ich derjenige, der den ersten Schlag abbekam. Der darauf folgende Adrenalinsto lie mein Zeitgefhl verrckt spielen. Und so hnlich war es auch hier. Nur schlimmer.

Die Zeit stand fr einen Moment still. Es war, als wenn alles um mich herum erstarrte, der Regen, der "Ersthelfer", einfach alles. Ich sprte wie sich meine Nackenhaare aufrichteten. Aber es war mehr, es war ein Schauer der durch meinen ganzen Krper lief und in diesem Moment, so unglaublich es klingt, wusste ich es. Sie sahen mir zu! Beide. Von der anderen Straenseite. Ich fhlte es. Sie standen beide hinter mir auf der anderen Seite, sahen meine Bemhungen und wussten, dass es vergebens war. Es war nur ein kurzer Moment, wie ein Dej-vu, und doch schien alles so real und so logisch. Ich wei nicht mehr, ob ich gelchelt oder geweint habe. Aber ich wei, dass ich mich nicht umgedreht habe. Ich konnte es nicht. So sehr ich es wollte, so neugierig ich auch war, ich wagte es nicht - und der Moment ging vorbei.

Ich wnschte, ich knnte sagen: der Rest war Routine. War es absolut nicht. Das mit der Erstmeldung, stellte sich als schwieriger raus, als es irgendwelche Lehrer vom Pult aus predigen. Ich war an einer Stelle, wo man weder Funk- noch Handyempfang hatte. Und so war der Ruf nach Verstrkung nur ein jmmerliches Rufen im groen ther des Analogfunks, auf dem 10 Wachen plus Streifenwagen gleichzeitig funken. Doch letzten Endes gelang es mir, durch eine Kombination aus Funk und Handy, einen halbwegs sinnvollen Notruf abzusetzen. Es gelang mir nicht, meinen Kollegen, zu erreichen, aber als ich nach ca. 10 Minuten nicht mehr zurckkam, roch er Lunte und kam.

Im Nachhinein gelang es uns sogar, mit Hilfe vom Unfallsachbearbeiter, den Unfallhergang zu rekonstruieren und den Unfall aufzunehmen. Zwei Tote, drei Schwerverletzte.

Heute, zwei Jahre spter, frag ich mich manchmal, was ich htte besser machen knnen. Ich hab an diesem Morgen meine Stressgrenze weit nach oben geschoben. Ich habe auch alles noch mal im Kopf rekonstruiert. Alles, bis auf eines: Ich habe nicht hinter mich geblickt.

Ich habe etwas hnliches seitdem nicht mehr erlebt. Ich mchte es meinen berreizten Nerven zuschreiben, aber das geht nicht so einfach. Ich habe schon vorher Tote gesehen, und Stresssituationen kannte ich auch zur Genge. Ich frage mich nicht mehr, ob ich mich heute umdrehen wrde. Ich frage mich nur, ob ich es ertragen htte, nichts weiter zu sehen, als den nackten kalten Wald.


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