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Polizei
Kein einfacher Start
Autor: Ralf Hammer
Eingestellt am: 23.11.2006
Nicht nur, dass es der zweite Umlauf auf dem Revier war, es war der zweite Umlauf überhaupt auf der neuen Dienststelle. Der Anfang hätte nicht schwerer sein können. Ich begann meinen Dienst in der regulären Spätschicht mit meinem neuen Streifenpartner. Er sollte mich ein wenig an die Hand nehmen, damit ich die Abläufe mitbekomme, die das Arbeiten auf dem Revier mit sich bringt, schließlich lagen über zwei Jahre Bereitschaftspolizei hinter mir.

Es dauerte nicht lange und wir bekamen den Auftrag, zu einer Wohnung zu fahren, da dort eine Frau die Tür nicht mehr öffnete. Die Töchter der Frau warteten bereits vor dem Haus und zeigten uns die Wohnung im Erdgeschoss. Bis dahin schien alles nicht weiter tragisch, bis man mir mitteilte, dass man über die Hofseite ins Schlafzimmer schauen konnte und die Mutter augenscheinlich im Bett lag und nicht auf das Klopfen ihrer Kinder reagierte. Das erzeugte in mir sofort ein äußerst unbehagliches Gefühl. Die Feuerwehr traf ebenfalls am Ort ein und öffnete die Wohnung, indem sie über das Toilettenfenster einstieg. Mein Kollege schickte mich voraus in die Wohnung, um den Rettungskräften über die Schulter zu schauen. Es musste schließlich auch auf die Spurenlage geachtet werden.

Als ich die Wohnung betrat war er wieder da. Dieser Geruch der mich mein Leben nicht mehr verlassen wird. In der Ausbildung mussten wir natürlich auch in die Gerichtsmedizin, damit wir überhaupt wussten, was da auf uns später mal zukommen kann. Da fiel er mir zum ersten Mal auf, dieser prägnante süßliche Duft, der einem sagte, dass man es hier mit der Endlichkeit unseres Lebens zu tun hat, dem Tod.

Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich gedacht, alles schon irgendwann und irgendwo einmal gerochen zu haben, aber meine Sinne belehrten mich eines Besseren. Es war wie eine fehlende Note in einem riesigen abgespeicherten Repertoire an Gerüchen, was nun hinzugefügt wurde und mir nicht mehr als unbekannt erscheinen sollte. Bevor ich jemals diesen Geruch mit dem Tod assoziierte, nahm ich ihn sicherlich schon vorher einmal wahr, aber mir fehlte die Zuordnung. Nun ist sie da und ich merke jedes Mal aufs Neue, wie schnell mich die Realität des Lebens übermannt.

Auch an diesem Ort stieg das Unbehagen ins Unermessliche. Ich betrat den Raum und sah, wie die Rettungskräfte die Decke wegzogen. Leichenflecken bewiesen wie stumme Zeugen, dass der Tod bei der Dame eingetreten war. Für den Moment überkam mich ein schauderhaftes Gefühl, aber dann merkte ich, wie meine Neugier über die Angst hereinbrach und mich einmal mehr davor bewahrte, dass ich der Situation nicht gewachsen wäre.

So schrecklich wie dieses Bild für mich war, es war wohl das Humanste was ich bisher gesehen habe. Es ist wohl genauso, wie viele Menschen sich den Tod wünschen. Einfach einschlafen und sterben, keine Schmerzen, kein Leid, einfach nur schlafen. Genauso war es für die Frau geschehen. Die Liegeposition hatte so etwas Friedliches und Unscheinbares, mit Nachthemd bekleidet und die Decke bis zum Hals hochgezogen.

Es dauerte nicht lange, bis der Gerichtsmediziner kam, um sich den Leichnam anzuschauen. In dieser Situation dachte ich nach und bemerkte, wie seltsam es doch ist, dass die Angehörigen ein paar Zimmer weiter da saßen und um ihre Mutter trauerten und der Gerichtsmediziner sein Leichenschau nach vorgegebenem Schema praktizierte. Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass die Angehörigen die Frau auf dem Bett anders in Erinnerung hatten, als wie ich sie nun sah.

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