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Polizei
Wasserleiche
Autor: Ludwig Eulenlehner
Eingestellt am: 12.10.2006
Am gegenüberliegenden Ufer versuchen die ersten Märzsonnenstrahlen den Morgendunst des Sees zu vertreiben. Es ist noch recht kalt. Im Einsatzkombi und der Regenschutzkleidung kriecht die Kälte hoch. Wir haben unsere Pelzmützen tief in die Stirn gezogen. Wir, dass sind drei Kollegen der Technischen Einsatzeinheit und ich, polizeitechnischer Beamter der Bereitschaftspolizei München. Wir sitzen im Hartschalenboot und müssen mit anderen Kollegen der Tauchergruppe einen vermissten Taucher suchen und wenn möglich auch bergen.
Der Vermisste war im Herbst des letzten Jahres mit seinem Freund unter zu Hilfenahme eines so genannten Unterwasserscooters getaucht und in über 40 Metern Tiefe verschwunden. Sein Kollege konnte nach dem Auftauchen nur in etwa die Koordinaten des Tauchortes bestimmen. Unser Suchgebiet ist somit nicht genau eingrenzbar. Der See ist in diesem Bereich über 60 Meter tief.
Wir sind mit einem Tauchbasisfahrzeug mit Hartschalenboot, geländegängigem Pkw und Schlauchboot am Einsatzort. Das Suchgebiet wird mit GPS an den Eckpunkten festgelegt, um später den Bereich im Koordinatensystem mittels Unterwasserkamera absuchen zu können. Diese Kamera wurde für die Polizeitaucher der Bereitschaftspolizei zur Absuche in Gewässern jenseits des zulässigen Tiefensicherheitsbereiches und an extremen Örtlichkeiten beschafft. Das systematische Absuchen in trüben oder fließenden Gewässern stellt für den eingesetzten Taucher eine hohe physische und psychische Belastung dar. Die Verwendung der Kamera ist somit eine erhebliche Erleichterung. Sie wird vom Boot aus an einer Halteleine durch das Wasser gezogen. Starke Halogenscheinwerfer erhellen den Suchbereich vor der Kamera. Ein Übertragungskabel bringt die Videosignale auf einen Bildschirm an Bord. Ein Bergungssystem an der Halterung im Aufnahmebereich der Kamera gab es bis dato noch nicht. In Zusammenarbeit mit den Tauchern wurde daher von mir ein Halte- und Greifmechanismus konstruiert, den wir nun erstmals in der Praxis erproben wollen.
Die Sonne steht mittlerweile höher über dem Horizont, aber die Temperaturen steigen immer noch nicht. Wir frieren.
Um Spiegelungen auf dem Bildschirm zu vermeiden, hat sich der Monitorbeobachter vollständig unter eine Schutzplane zurückgezogen. Ich krieche zu ihm, während der Bootsführer das Boot Länge um Länge an der Koordinatenlinie entlang steuert. Auf dem Bildschirm erkennen wir schemenhaft Steine und weggeworfene oder verlorene „Kulturgüter“ unserer Zeit. Eine Bierflasche, ein Tampen, ein Stofflappen, eine Konservendose die langsam verrostet - alles liegt im modernden Schlick.
Der Bootsführer fährt sehr langsam und reagiert auf Zuruf des Monitorbeobachters, damit die Länge des Halteseiles an der Kamera ständig durch einen weiteren Kollegen an die Tiefe des Sees angepasst werden kann. Wir vergessen die Zeit unter unserer Plane, sind mit der Kamera auf 65 Metern Tiefe. Als Wind aufkommt wagen wir einen Blick unter der Plane hervor und sehen das von der Kälte rote Gesicht unseres Bootsführers. Es beginnt zu allem Überfluss auch noch zu schneien. Ein Krächzen aus unserem Funkgerät. Den Inhalt der Nachricht können wir wegen des lauten Außenborders nicht verstehen. Nach Rückfrage kommt von unserer Basis am Ufer die Nachricht: „Einsatz abgebrochen“. Grund: das Wetter soll noch schlechter werden! An Land wärmen wir uns mit einer heißen Tasse Tee und unserer Einsatzverpflegung. Dieses Mal hatten wir kein Glück.

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