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Polizei
Vorstadtsacher
Autor: Thomas Eppensteiner
Eingestellt am: 12.10.2006
03.20 Uhr. In den Nachtdiensten, die ich im Streifendienst verbrachte, sah ich etwa alle fünf Minuten auf die Uhr. Nach Mitternacht kam es mir immer vor, als würden mächtige Kräfte versuchen, die Zeit anzuhalten, am Zeiger sitzend, im Uhrwerk unerbittlich darum bemüht.
03.20 Uhr, am Rand eines Randbezirkes, in einer schwülen Nacht. Zwischen Plattenbauten, die wie schlafende, graubraune Raupen an der Peripherie liegen, und brach liegenden Feldern, auf denen schon längst nichts mehr angebaut wird. Noch mehr Platz für noch mehr dieser Kriechtiere. Trostloses Umfeld, Nährboden für viele neue unserer „Kunden“.
Die beste, weil einzige Adresse am Ort hat jetzt endlich zu. Ein Café, in dem ein Fremder bloß nicht versuchen sollte, Streit mit irgendjemandem zu beginnen. Selbst die Wirtin hat mehr Jahre drinnen als draußen verbracht. Ich stehe vor dem Lokal und warte auf den Rettungsdienst, der wie immer um diese Zeit, ebenfalls das Problem mit dem Uhrzeiger und dem Uhrwerk hat.
Seit knapp einundzwanzig Stunden stecken mein Partner und ich nun schon im „Plastikgewand“, wie wir unsere Uniform in heißen Nächten scherzhaft nennen. Vor uns sitzt etwas, das mich eigentlich anwidert, Ekel in mir erregt und dessen Zustand ich mir zwar nicht gewünscht habe, der jedoch in diese „geschieht ihm recht“ Schiene passt, die ich eigentlich auch nicht mag.
Mir kommen die Begriffe „Moral“ und „Ethik“ in den Sinn. Definitionen, die die Grundsätze menschlicher Werte und menschlichen Verhaltens untereinander regeln sollen. Die festlegen, was zu akzeptieren ist, was wir als schlecht und als gut zu betrachten haben. Begriffe, die neuerdings Eingang in die Polizeiausbildung gefunden haben. Moderne Polizisten, Sicherheitsmanager, geschult in einem vierstündigen Seminar.
Mein Denken ist momentan gerade alles andere als moralisch und ethisch. Mein Partner hat den Mann zwar mustergültig erstversorgt, mit allem was dazu gehört, aber ich fühle mich wohler, wenn ich ein paar Meter Abstand zu ihm habe. Ich drehe mich weg, höre nicht auf sein Lallen.
Wir waren kurz vor eins schon einmal da gewesen. Alleine, ohne zweiten Wagen, wie es im Vorstadtsacher üblich ist. Kein weiterer Wagen frei, ist ja nur eine Lärmerregung. Die Wirtin war betrunkener als ihre drei Gäste zusammen, aber verständnisvoll und machte die Musik leiser. Wir wollten nicht noch einmal kommen müssen, sonst Anzeige und all dieser Quatsch. Der Mann saß neben dem Dartautomaten, der schon lange keine Pfeile mehr gesehen hat. Ich bemerkte noch, wie er aufstand und uns nachwankte, als wir gingen.
An unserem Wagen holte er uns ein. Sein Atem roch nach kaltem Rauch, Bier und Kotze. Die wenigen Worte, die ich noch verstand, beleidigten mich, meine Mutter, meinen Vater. Auch meine Schwester, die ich nicht habe. Besser gesagt, sie versuchten nur, mich zu kränken. Der Typ konnte mich um diese Zeit nicht mehr provozieren. Dafür war ich schon zu müde, keinen Bock auf Festnahme, wenn’s nicht sein muss. Wir ließen ihn einfach stehen. Weiterfahren, Bericht über Funk, nächster Einsatz, weg von den Raupen.

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