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Polizei
Das erste Mal
Autor: Ulrich Weber
Eingestellt am: 30.09.2006
Kurz vor meiner Versetzung zur Landespolizei Sachsen-Anhalt, erhielten mein Kollege und ich während unserer Nachtstreife über Funk den Auftrag, die Asylbewerberunterkunft anzufahren. Heinz war zusammengeschlagen worden. Er war uns gut bekannt, lebte als einziger Deutscher in der Asylbewerberunterkunft und fungierte dort als Hausmeister.
Ein zweites Fahrzeug war zur Unterstützung unterwegs, jedoch trafen wir als erste am Tatort ein, da wir gerade in der Nähe waren. Die Haustür stand offen und wir sahen gerade noch, wie Heinz mit einem Schlachtermesser bewaffnet die Treppe nach oben ins erste Obergeschoss lief. Wir beschlossen, nicht auf den zweiten Wagen zu warten, sondern gleich ins Haus zu gehen, die Dienstwaffe in der Hand.
Im ersten Obergeschoss war von Heinz nichts zu sehen, also gingen wir weiter nach oben. Vom Treppenabsatz aus sahen wir Heinz vor einer Zimmertür stehen. Gesicht und T-Shirt waren blutverschmiert. Das Fleischermesser in der rechten Hand, den Arm hoch über den Kopf gestreckt, so als wollte er im nächsten Moment zustechen, trommelte er mit der linken Faust an die Zimmertür und verlangte von den Bewohnern, dass diese die Tür öffneten.
Wenn jetzt jemand öffnete, würde Heinz dem Erstbesten das Messer in den Körper rammen. Es blieb keine Zeit für lange Überlegungen. Ich ging auf ihn zu und rief: „Halt Polizei, lassen sie das Messer fallen!“. Heinz zeigte keine Reaktion, trommelte weiter gegen die Tür.
Ich hoffte, dass die Bewohner des Zimmers mich gehört hatten und die Tür geschlossen blieb. Aber hatten die mich überhaupt verstanden? Es sind doch Asylbewerber! Ich versuchte es ein zweites Mal und schrie Heinz förmlich an: „Heinz, lass das Messer fallen oder ich schieße!“
Hatte ich eben „schießen“ gesagt? Verdammt, was sollte ich machen, wenn der weiter macht und die Tür wird geöffnet? Dann muss ich schießen! Die Waffe hatte ich schon auf Heinz gerichtet – ich betätigte den Spannhebel. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie mein Kollege einen Schritt zurück trat. Heinz hatte sich inzwischen zu mir umgedreht und stand mir jetzt in einem Abstand von etwa fünf Metern gegenüber. Ich sagte noch Mal, dass er das Messer herunter nehmen solle. Aber er tat das genaue Gegenteil: er nahm das Messer nach unten und den Arm nach hinten, so als wollte er ausholen und auf mich einstechen.
Ich dachte: Nein! Lass es! Ich will doch gar nicht schießen! - In den vielen Jahren der Schießausbildung hatte ich nur auf Scheiben oder auf eine Leinwand geschossen. Sollte es diesmal wirklich soweit kommen, dass ich ernst machen muss? Wie viele Male hatte ich mir für solche Situationen in Gedanken zurechtgelegt, wie ich reagieren würde? Maximal zweimal ansprechen hatte ich mir vorgenommen und wenn er dann die Waffe nicht ablegt, dann kriegt er einen Treffer. - Jetzt bin ich in so einer Situation und alles ist anders. Ich habe eine Scheißangst abzudrücken! Was ist, wenn ich ihn verletze oder sogar töte? Er ist doch Familienvater!!!
Ich schrie ihn noch Mal an: „Lass das Messer fallen oder ich mache von der Schusswaffe gebrauch!“. Unten aus dem Treppenhaus hörte ich eine Frau rufen: „Nicht schießen, er tut niemanden etwas!“
Der nächste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war der Termin meiner Versetzung. Ich dachte nur, wenn du jetzt schießt dann gibt es Ermittlungen und solange die andauern wirst du bestimmt nicht versetzt. Dieser Gedanke brannte sich förmlich in mein Hirn. Ich warf sämtliche Vorsätze über Bord und schrie den Heinz noch zwei, drei Mal an, das Messer fallen zu lassen.
Nach der letzten Aufforderung passierte endlich etwas. Heinz schüttelte sich, so als wenn er aus einer Trance aufgewacht wäre. Er hatte scheinbar bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht realisiert, dass ihm ein Polizist mit gezogener und auf ihn gerichteter Schusswaffe gegenüber stand. Er entspannte sich und ließ das Messer fallen. Bei seiner Festnahme kam es dann zwar noch zu einer kleineren Rangelei, aber nachdem die Handfesseln angelegt waren, war er friedlich und konnte abgeführt werden.
Nach diesem Erlebnis war ich für den Rest des Nachtdienstes nicht mehr zu gebrauchen. Mir war hundeelend und ich hatte weiche Knie. So viel Angst hatte ich im ganzen Leben noch nicht gehabt. Erstaunlich war für mich, dass ich mich nicht an mein zurecht gelegtes Verhaltensmuster gehalten hatte. Auch habe ich keinen Moment daran gedacht, dass der Heinz mich hätte verletzen oder gar töten können. Ich habe auch nicht an meine Frau und meine beiden Söhne dabei gedacht, die wartend zu Hause saßen. So widersinnig es ist – das einzige, was mir damals durch den Kopf ging, war, dass ich nicht versetzt werden könnte. Und das hat Heinz vielleicht das Leben gerettet.



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