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Tragische Eulensuche
Autor: Bodo Doering
Eingestellt am: 10.09.2006
Seite 3 von 3

Ich war mir sehr unsicher über die Behandlung seelischer Belastungen und der Auswirkung dieses Ereignisses für die Kinder und wie sie den Tod ihres Freundes verkraften würden. Dann fuhr ich zur Leichenhalle und untersuchte mit dem Arzt Michels leblosen Körper.
„Jetzt zu den Eltern von Michel“. Immer wieder und dann fast ausschließlich marterte diese unaufschiebbare Aufgabe mein Denken. Gerne hätte ich das jemandem anderen überlassen, aber da war keiner.
Das kleine Einfamilienhaus machte einen gepflegten Eindruck. Ich sah auch die Frau, die Michels Mutter sein musste. Sie war im Vorgarten tätig zwischen farbenprächtigen Blumen und Stauden. Hochgewachsene Sonnenblumen schauten auf die Arbeitende herunter, die zwischen voll erblühten Rosenstöcken, eingerahmt von den Blüten verschiedenfarbiger Hibiskusstauden ihrer Freude am Gärtnern nachzugehen schien.
Sie erhob sich aus ihrer gebückten Stellung, um zu sehen, wer da wohl käme, als ich mit Hofstedt unseren Wagen an-hielt.
„Das ist eine genau so große Scheiße hier wie früher bei tödlichen Verkehrsunfällen“, ging es mir durch den Kopf, und ich sagte es auch zu meinem Begleiter. Wie damals als Schutzmann, schien es mir auch hier schier unmöglich, jetzt auszusteigen und dieser Mutter mitzuteilen, dass ihr Kind nicht mehr lebt, aber es musste sein.
Ich stieg umständlich aus, um Zeit zu schinden und ging auf die Frau zu, die mir mit freundlicher Miene erwartungsvoll entgegen sah. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Ja, sie war die Mutter von Michel.
Ich schluckte, hatte einen rauen Hals bekommen und spürte den Klos darinnen größer werden. Ich eröffnete ihr die unvermeidliche Nachricht mit einem Gefühl, als habe man mir Schläge in die Magengrube versetzt. Ich sah, wie sich langsam ihre Augen mit Tränen füllten.
„Ich muss Ihnen eine traurige Nachricht überbringen – Ihr Sohn Michel hatte einen … einen Unfall.“
Das freundliche Lächeln war verschwunden, Blässe und große erschreckte Augen beherrschten ihr Gesicht.
„Was ist passiert? Lebt er? Tot?“
Ich schüttelte den Kopf, konnte sie jetzt nicht ansehen und murmelte mehr: „Nein, er ist tot.“
„Nein, nicht schon wieder, erst mein Mann, jetzt das Kind, nein…“. Unaufhörlich flossen jetzt ihre Tränen.
„Wie ist es passiert? Hat er leiden müssen?“
„Michel hat einen Stromschlag erlitten, dort oben in der alten Ziegelei im Transformatorenhaus. Sie haben dort die Tür aufgebrochen. Er wollte mit Freunden nach einem Eulennest suchen…“, hörte ich mich wie mechanisch reden.
„Wo ist er jetzt? Kann ich ihn sehen?“
„Bitte jetzt noch nicht. Ich muss erst noch mit dem Staatsanwalt wegen der Freigabe sprechen. Ich sage Ihnen sofort Bescheid.“
Ich erklärte dieser erschütterten Mutter die üblichen Formalien, etwas über Leichenfreigabe, die mögliche Unterstützung durch einen Bestatter, der sich auch um die Formalitäten kümmern könnte.
Ob mich diese Frau jetzt verstand, nahm ich nicht wirklich an. Dann strich ich ihr über den Arm, eine flüchtige Geste des trösten Wollens und ging.
Ich konnte in diesem Moment in mir selbst keine Ordnung finden. Spürte ich Trauer oder einfach nur Ohnmacht darüber, hier nichts weiter ausrichten zu können? Ich versuchte mich in diese Mutter hinein zu versetzen und empfand Grauen.



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