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Auf dem Bauernhof
Autor: Tobias Hart
Eingestellt am: 01.09.2006
Seite 4 von 4

Aus heutiger Sicht muss ich sagen, es ist wahrscheinlich ein Automatismus mehrjähriger Dienstzeit, denn ich bin mittlerweile genauso „abgestumpft“, obwohl ich das nicht mehr direkt als „Abstumpfen“ bezeichne, sondern eher als eine dienstlich sachliche Betrachtung eines Feldes unsrer Arbeit, die einem dann so in anderen Bereichen der Arbeit oder des Lebens nicht belasten kann, eine Art Selbstschutz.
Ich sehe es mittlerweile als sehr positiv, bzw. positiven Wesenszug, an, schlimme Einsätze sachlich verarbeiten zu können, praktisch nach Dienstschluss die Tür zu machen zu können und nichts aus dem Dienst mit nach Hause nehmen zu müssen.
Allerdings funktioniert das nur, wenn man Betroffene nicht kennt und keinen Bezug zu ihnen hat.
In der ersten Nacht nach dem Dreifachmord hatte ich die Bilder der beiden ermordeten Frauen vor Augen, wie sie da lagen, mit den aufgeschlitzten Kehlen in den großen Blutlachen. Es war zwar kein Albtraum, aus dem ich schweißgebadet aufwache und dann nicht mehr einschlafen kann, aber die Bilder waren da.
Ich hoffte, diese Tat würde bald gesühnt.
Ich hatte diese Bilder nie mehr vor Augen. Zumindest nicht im Schlaf.
Da der Tatort aber so riesig war, dauerte die Tatortarbeit mehrere Tage. Nachts wurde das Gelände mit einem Lichtmast ausgeleuchtet und von einem Streifenteam bewacht. Die Nacht nach dem Frühdienst standen mein Bärenführer und ich wieder vor der Hofeinfahrt und wachten über den Tatort.
Es war eines der mulmigsten Gefühle, die ich je bei einem Einsatz hatte. Das man sich nicht wohl fühlt, wenn man z.B. mehreren Hundert gewaltbereiten Steinewerfern gegenüber steht, ist leicht begreifbar, aber wenn man ängstlich an einem Ort steht, wo faktisch nichts und niemand ist, ist das schwer nachzuvollziehen. Es ist auch nicht wie das Schaudern, wenn man als Jugendlicher als Mutprobe über einen dunklen Friedhof läuft.
Ich kann nicht mehr genau beschreiben wie oder was es genau war, aber ich hatte beispielshalber Angst, alleine zu den nahe gelegenen Hecken zu gehen um zu pinkeln.
Auf diesem Hof wurden einen Tag zuvor drei Menschen brutal ermordet und es war noch kein Tatverdächtiger festgenommen – es war zwar ein abstraktes, aber dennoch sehr beklemmendes Gefühl.
Die Nacht plätscherte vor sich hin, nichts geschah und niemand kam vorbei; am nächsten Morgen kamen die Kollegen der Kripo wieder und setzten die Tatortarbeit fort.
Wir fuhren weg, ich war seitdem nie wieder auf diesem Hof, ich träumte nicht mehr von dem Gesehenen und ich habe diese Bilder nicht mehr vor Augen – nur wenn ich mich bewusst daran erinnere. Und das ist auch gut so.
Übrigens, die drei altgedienten Schutzmänner sollten Recht behalten: der Vater des Jungen wurde wenige Tage später festgenommen. Es stellte sich heraus, dass er zwei Polen angestiftet hatte, die Frauen umzubringen - Motiv: Habgier. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt.
Ich habe dann noch gehört, dass die zwei Täter in Polen gefasst wurden und dort in U-Haft saßen. Was aus Ihnen geworden ist, weiß ich nicht.
Auch was aus dem Jungen geworden ist, weiß ich auch nicht. Ich hoffe, er kam in eine intakte Pflegefamilie.


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