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Polizei
Auf dem Bauernhof
Autor: Tobias Hart
Eingestellt am: 01.09.2006
Seite 3 von 4

Ich erfuhr sehr schnell von einem bei mir stehenden Kripomann, dass es sich bei dem kleineren der beiden Männer um den Sohn der Hof-Besitzerin, Bruder der Toten vorm Stall und den in Scheidung lebenden Mann der Toten in der Küche handelt.
Der Große war der Schwiegersohn der Besitzerin, der Schwager der Toten in der Küche und der Ehemann der Toten vorm Stall und auch der Vater des sechsjährigen Jungen.
Ich sah wie der Einsatzleiter mit den Männern sprach und ihnen vermutlich die Sachlage mitteilte; ich stand außer Hörweite.
Der kleinere der Beiden brach zusammen, er musste sich festhalten und weinte hemmungslos, während der Große nur mit irgendwie starren Augen da stand, nichts sagte und auch sonst nicht viel Regung zeigte.
Die drei altgedienten Schutzmänner, mit denen ich die Zufahrt absperrte, verfolgten ebenfalls dieses Szenario und sagte daraufhin unisono, dass mit dem Großen etwas nicht stimme, der hat Dreck am Stecken. Keiner der älteren Kollegen konnte mir sagen, wieso, oder woran er das genau festmacht, es wäre halt ein Gefühl.
Ich hatte zu dieser Zeit überhaupt kein Gefühl, ich begann mich mit meiner Gedankenwelt zu beschäftigen. Ich war fassungslos darüber, wie ein Mensch drei andere Menschen so hinrichten, so brutal niedermetzeln konnte – und das in meiner Heimatstadt, wo die Welt bis dahin so einigermaßen in Ordnung schien...
Ich konnte mich dadurch ablenken, dass ich der Kripo bei ihrer Tatortarbeit beobachtete. Es faszinierte mich und ich sah Dinge, die ich wirklich interessant fand und in der Ausbildung bis dato noch nicht gelernt hatte.
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass ich an so gut wie nichts von dieser Tatortarbeit erinnern kann, da mich das Erlebte doch zu sehr beschäftigte. Dazu kam noch, dass der Hund, der anfangs noch um die Tote in der Küche lief, nach dem Öffnen der Tür nach draußen floh und dann später von Hundeführern einfangen wurde. Das eine Ohr des Welpen war fast abgetrennt, es schlackerte nur noch an wenigen Hautfetzen hängend seitlich am Kopf.
Der Hund tat mir leid, er war vermutlich der einzige Augenzeuge der Tat und hätte fast auch mit dem Leben bezahlt.
Erst da kam mir der Gedanke an den Jungen.
Mit sechs Jahren seine Mutter und seine Tante bestialisch ermordet aufzufinden, ist bestimmt ein sehr schwerer Schlag und ein schlimmes Trauma. Ich hoffte für den Jungen, dass er zum einen gut betreut wurde, und zum anderen, dass die Kollegen Unrecht hatten und sein Vater nichts mit dieser Sache zu tun hatte. Denn ich stellte mir vor, dass es das Trauma noch potenzieren müsse, wenn man erfährt, dass der eigene Vater jemanden auf solche Art zur Halbwaise gemacht hat.
Der Junge tat mir aufrichtig leid und ich hoffte, dass er fähig sein wird, ein „normales“ Leben zu führen.
Später wurden die Streifenwagenbesatzungen nach und nach abgezogen, schließlich waren nur noch mein Bärenführer und ich am Tatort. Bevor die Kollegen wegfuhren, fragten sie uns ob wir auch was zum Frühstücken wollten.
„Ihr könnt mir ein Mettbrötchen vorbeibringen“, sagte mein Bärenführer.
Bei dem Wort Mettbrötchen dachte ich sofort an eine bis zur Wirbelsäule aufgeschlitzte Kehle. Ich äußerte meinen Ekel und gab an, keinen Hunger zu haben. Mir war auch wirklich der Appetit vergangen.
Während wir den Tatort absperrten, habe ich mir dann gedacht, wie kann man nur so abgestumpft sein, wie die älteren Kollegen, die scheint so was gar nicht mitzunehmen, oder wenigstens zu schocken. Ich wollte nie so abstumpfen.


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