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Polizei
Wechselbad der Gefühle
Autor: Martin Herzmoneit
Eingestellt am: 20.08.2006
Im Sommer 2002 absolvierte ich als Auszubildender im zweiten Jahr mein Praktikum bei der Polizei in München. Endlich richtige Polizeiarbeit. Stolz und hoch motiviert saß ich auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens. Es war meine fünfte Dienstschicht.
Kurz nach Streifenbeginn wurden wir über Funk zu einer Familie in ein Hochhaus in München Neu-Aubing gerufen. Obwohl ich Neuling war, kannte ich die Familie schon: Eltern sind Alkoholiker und sie haben zwei kleine Kinder. Ein fünfjähriges Mädchen und einen gerade mal einjährigen Sohn.
Als wir das letzte Mal bei der Familie waren, hatten uns Nachbarn alarmiert, weil aus der Wohnung laute Musik und Geschrei drang. Es war damals zwei Uhr morgens. Als wir die Wohnung betreten hatten, dachte ich, ich sehe nicht richtig. Es waren sechs stark alkoholisierte Personen im Wohnzimmer versammelt, die laut vor sich hin grölten. Es stank nach Alkohol und der kalte Zigarettenrauch hing wie dichter Nebel in der ganzen Wohnung. Mitten unter den Grölenden saß das kleine Mädchen mit ihrem Brüderchen im Arm auf dem Sofa. Das Mädchen hatte einen Ausdruck in den Augen, in dem zu lesen war: „wenn sich keiner um uns kümmert haben wir wenigstens noch uns selbst“.
Nachdem wir alle nach Hause geschickt hatten, versuchte ich mit den Eltern zu reden. Es war ihnen egal, wie dies für die Kinder war. Diese sollen das harte Leben von Anfang an mitbekommen, sagten sie.
Damals drohte ich mit der Verständigung des Jugendamtes, wenn sich hier nichts ändern würde. Beide hatten hoch und heilig versprochen, sie würden sich um die Kinder kümmern.
Es hatte sich nichts geändert. Am heutigen Nachmittag hatte er die 110 gewählt, weil sie besoffen war und nach ihm geschlagen hatte. Durch die Attacke der Mutter wurde das Baby leicht verletzt, welches er in Armen gehalten hatte.
Das Baby und das kleine Mädchen weinten. Aber nicht vor Schmerzen, sondern vor Hunger. Ich fragte den Vater, wann die beiden das letzte Mal etwas gegessen hatten.
„Ich glaube gestern früh...“ war seine Antwort.
Ich ging mit dem Vater in die Küche und ließ ihn einen Brei für das Baby zubereiten, dem kleinen Mädchen schmierte ich ein Brot. Sie aß es nicht, sondern inhalierte es regelrecht vor Hunger.
Das war für mich mehr als ein Tropfen für das bereits volle Fass.
Die Mutter saß auf dem Sofa. Ich fragte sie, was sie zu sagen habe.
Sie gab gleich alles zu, fragte mich aber vorwurfsvoll, wieso ich mich denn so aufrege.
Ihr gleichgültiger Augenausdruck sollte sich nach meinem nächsten Satz aber schlagartig ändern.
Ich hatte mich bereits mit meinem Kollegen besprochen, der mir, dem „Schüler“, die weiteren Entscheidungen überlies. Ich fühlte mich alleine gelassen.

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