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Das schwarze Notizbüchlein
Autor: Christian Buschan
Eingestellt am: 12.08.2006
Seite 2 von 3

Nach solchen Einsätzen weiß man dann, ob und was für Nerven man hat. Und ich wußte mit der Zeit auch, ob meine innere Abwehrbereitschaft ausreichend entwickelt war, um mich schadlos Orten nähern zu können, wo Menschen gewaltsam zu Tode gekommen waren, sei es durch eigene oder durch fremde Hand. Menschen, die erhängt, zerschossen, mit Säure übergossen oder in Fetzen gesprengt in irgendwelchen Ecken lagen und mit leeren, aber dennoch intensiv bittenden Augen darauf zu warten schienen, noch im gräßlichsten Tode einfach verstanden, menschlich gewürdigt und ordentlich begraben zu werden. Ich habe rasch gelernt, das innerlich gut zu ertragen und äußerlich vernünftig zu regeln – mit Ausnahme jener Fälle, wo Kinder die Opfer waren. Das ist für Polizistinnen und Polizisten das Schwerste, denke ich: Getötete Kinder. Da hilft der Rat Erfahrener wenig, daß man sich aus Gründen des seelischen Selbstschutzes niemals erlauben dürfe, den Opfern von Gewaltverbrechen freundschaftliche Gefühle entgegenzubringen. Wenn Kinder gewaltsam sterben mußten, brach diese Abwehr auch bei mir oft für kurze Zeit zusammen. Da blieb manchmal nur noch das bittere Weinen. Gott sei Dank durfte ich im Laufe meines Älterwerdens und wohl auch in der Folge meines Psychologiestudiums zu differenzierteren Strategien gelangen, was Sterben und Tod angeht.
nicht durchgegangen. Das war, als das jüngste Töchterchen unseres Posthalters auf der "Lutzeren" (einer paßähnlichen Anhöhe) überfahren und dabei tödlich verletzt wurde. Das Kind überquerte die Fahrbahn auf dem Fußgängerstreifen, so wie es das im Kindergarten gelernt hatte. Unter den Augen seiner Großmutter, die ihm vom Fenster aus zum Abschied zugewinkt hatte, wurde das Kind von einem heranrasenden Betrunkenen angefahren und vor einen entgegenkommenden, ebenfalls viel zu schnell fahrenden Wagen geschleudert. Das Kind hatte keine Chance, es war sofort tot. Als ich am Unfallort eintraf und das gesamte Ausmaß dieses schier unfaßbaren Elends überblickte, packte mich die kalte Wut. Ich riß den besoffenen und obendrein noch blöde grinsenden Kerl aus seiner Karre und schlug mit aller Kraft zu. Blutend ging der Widerling zu Boden und mir war sofort unendlich wohler. Als er dann aber gar noch anfing, von Anwalt und so weiter zu faseln, reichte es mir. Ich zog meine Dienstwaffe, richtete sie auf seinen Kopf und schrie ihn an, er solle sofort still sein, sonst würde ich ihn erschießen wie einen räudigen Hund. Ich muß dabei furchtbar ausgesehen haben in meiner wilden Wut. Jedenfalls war der aufgeblasene Fatzke sofort still. Noch heute fühle ich die tiefe Scham und die unendliche Reue, die mich damals nach ein paar Sekunden Nachdenken befielen.
Als ich den Mann später im Krankenhaus ordentlich einvernahm – er hatte sich bei dem Unfall schon vor meinem Einwirken verletzt – wich er immer noch angsterfüllt vor mir zurück. Ich gebe es zu: Es tut gut, einem derart rücksichtslosen, uneinsichtigen und obendrein noch arroganten Idioten eins aufs Maul zu geben. Das ganze Dorf wußte inzwischen, wie ich den Mann behandelt hatte. Damals wurde mein impulsives Verhalten von den allermeisten Leuten im Dorf gebilligt. Und es wurde mir auch zum Vorteil angerechnet, mit wie viel Einfühlungsvermögen ich der betroffenen Familie die furchtbare Nachricht vom Tode ihres jüngsten Kindes überbracht hatte. Es ist unendlich schwer, fremden Menschen auf würdevolle und hilfreiche Weise beizubringen, daß ihr Kind oder ein Angehöriger zu Tode kam. Dabei hatte ich oft das Gefühl, brutal in familiäre Räume privaten Glücks einzubrechen, den Geruch des Todes zu verbreiten. Dabei macht es keinen großen Unterschied, ob der Tod durch einen Unfall, eine plötzliche Krankheit oder durch ein Verbrechen auf den Plan trat. Der Tod und seine Boten stören immer, wenn sie kommen, immer sind sie ungelegen. Die Worte, die dann gesprochen werden müssen, sind zwangsläufig unbarmherzig – egal, wie vorsichtig, ruhig, rücksichts- oder verständnisvoll sie auch immer vorgebracht werden. Wenn uniformierte Polizistinnen oder Polizisten im Türrahmen stehen, bringen sie meist unerwartete, grausame oder unbegreifliche Nachrichten. Dafür wird es nie eine geeignete Art und Weise geben, das ist für beide Seiten oft nur sehr schwer zu ertragen. Trotzdem denke ich, daß dies niemand so human schafft, wie geduldige und erfahrende Polizistinnen und Polizisten, die schon mehr von dem wissen, erlebt und gesehen haben, was außer ihnen lieber niemand wissen, erleben und sehen sollte.

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