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Polizei
Das schwarze Notizbüchlein
Autor: Christian Buschan
Eingestellt am: 12.08.2006
---Kurzversion---

Der Beruf des Polizeibeamten ist in fachlicher, seelischer und körperlicher Hinsicht außerordentlich anspruchsvoll und abwechslungsreich, das hatte mir daran immer schon sehr gefallen. Man lernt in sehr kurzer Zeit von extrem unterschiedlichen Leuten sehr viel über das (eigene) menschliche Verhalten, über Hass, Leidenschaft, Verzweiflung und Tod. Als Polizist/in erlebt man täglich, daß es keine umfassende Theorie des menschlichen Verhaltens gibt – und wohl auch nie geben kann und wird. So waren mir "dr Sarger-Pole u ds Lyche-Grytli" (berndeutsch für: "Sarger-Paul und Leichen-Margrith") aus Habstetten eine munter sprudelnde Quelle menschlicher Einsichten und Weisheiten, von denen man an keiner Universität der Welt je zu hören bekommt. In zahlreichen heiklen Situationen waren die beiden schrulligen, ewig Zigaretten (Margrith) und Stumpen (Paul) rauchenden Eheleute eine verläßliche Hilfe, immer wußten sie Rat und waren zu jeder Tages- und Nachtzeit hilfreich zur Stelle, wenn man sie brauchte. Dieses herzensgute, lebensfrohe Ehepaar betrieb neben einer soliden Möbelschreinerei gleichzeitig ein florierendes Bestattungsunternehmen.
Diesen beiden war nichts Menschliches fremd, alles wurde mit demselben warmherzigen, höflichen Gleichmut und mit einem gesunden Humor ertragen und erledigt. Stets stand der Paul im tadellosen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte bei "seinen" Beerdigungen neben dem Sarg – gar nicht so einfach, wenn man den ganzen Tag im Holzstaub arbeitet. Diese beiden Unerschütterlichen bewegten sich lebensklug in der Welt des Todes – wohl ohne es zu wissen oder zu wollen – nach dem "Trost der Philosophie" eines Alain de Botton, der wiederum gerne Montaigne zitiert (Montaigne kursiv): "Zu wahrer Weisheit gehört, daß wir uns mit unserem niedrigeren Ich arrangieren. Wahre Weisheit muß zu einer bescheideneren Auffassung von der Rolle finden, die Vernunft und Hochkultur im Leben spielen, und die zuweilen höchst unerfreulichen Forderungen unserer sterblichen Hülle anerkennen. Die epikureische wie die stoische Philosophie hatte die Auffassung vertreten, wir könnten Herrschaft über unsere Leiber erlangen und würden niemals von unserem physischen, heißblütigen Ich mitgerissen. Das ist ein nobler Gedanke, der an unsere edelsten Bestrebungen rührt. Ihn zu befolgen ist aber unmöglich, und deshalb ist er kontraproduktiv: "Was nützen uns diese erhabenen Gipfel der Philosophie, auf denen sich kein menschliches Wesen niederlassen kann, und diese Regeln, die alles übersteigen, was wir gewöhnt sind und vermögen? Es spricht kaum für seinen Scharfsinn, daß [der Mensch] sich seine Pflichten nach Maßgabe einer anderen Natur als der eigenen zurechtschnedert" (de Botton, 2001, S. 160).
Paul und Margrith hätten das wohl viel einfacher formuliert: "We jede miech, was er sött, wurdi alls gmacht, was mues gmacht sy" (berndeutsch: Wenn jeder täte, was er sollte, würde alles getan, was getan werden muß).
Es gab Familiendramen, die bis heute in mir nachwirken: Ein massiger Dorfschmied hatte sich in seiner Schmiede aufgehängt. Als für die Kriminaltechniker zweifelsfrei feststand, daß kein Fremdeinwirken zu vermuten sei, stellten "Sarger-Pole" und ich den großformatigen Sarg schräg unter den Hängenden und schnitten ihn ab. Ich werde nie vergessen, mit welch dumpfem Plumpsen der schwere Mann in sein letztes Gehäuse glitt. Die sauberste Leiche, die ich je zu sehen bekam, war ein zwanzigjähriger Nackter in der Sauna der Überbauung Lutertal, der geglaubt hatte, seine Angina mittels eines harten Saunaganges ausschwitzen zu können – er starb prompt an Herzversagen. Leichen sind selten warm, wenn sie eingesargt werden, das war hier in der schönen Sauna direkt heimelig, verglichen mit anderen Fällen im Freien, nachts, im Winter auf kalten Bahngleisen oder auf regennassen Straßen. Oder wie bei jener verzweifelten jungen Mutter, deren zerschmetterte Körperteile wir im Nachtdienst auf den dunklen Gleisen der Linie Bern-Thun beim Bahnhof Ostermundigen einsammeln mußten. Und am Morgen, kaum ein paar Stunden später, fuhren Maßen ahnungsloser Schüler und Pendler über die Stelle, wo sich in jener Nacht ein Mensch das Leben nahm.

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