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Das schwarze Notizbüchlein
Autor: Christian Buschan
Eingestellt am: 12.08.2006
Seite 3 von 3

Mit unverhohlener Genugtuung nahm ich später am Prozeß gegen den der fahrlässigen Tötung Angeschuldigten teil, der zu einem harten, aber gerechten Schuldspruch führte. Ich erhielt einen strengen, mündlichen Verweis des verständnisvollen Richters. In solchen Momenten glaubt man dann wieder an irdische Gerechtigkeit. Und man fragt sich zum x ten Mal, wie weit es mit unserer schier alles erlaubenden Gesellschaft noch kommen muß, bevor auch die ach so Bewegten und die von allem und jedem ach so Betroffenen einsehen, daß hätschelnde Resozialisierungsversuche längst nicht bei allen anschlagen. Und daß es einen zwar sehr geringen, aber dennoch extrem gefährlichen Prozentsatz von Menschen gibt, die sich durch ihr eigenes Verhalten aus der menschlichen Gesellschaft ausschließen. Und die deswegen jeden Anspruch auf verständnisvolle Milde verwirken. Auf einen groben Klotz gehört manchmal wirklich ein grober Keil. Daß es tatsächlich therapieresistente Verbrecher gibt, bei denen salbungsvolle Worte allein nicht zum gewünschten Ergebnis führen, gehört Gott sei Dank inzwischen auch unter noch so "verständnisvollen" Psychologinnen und Psychologen zum Allgemeinwissen.
Doch das vor allem in menschlicher Hinsicht berührendste Erlebnis war der Fall des Grubenwartes einer Müllkippe. Der lebte als Junggeselle in einem einfachen, barackenartigen Häuschen direkt am stinkenden Grubenrand. Mit einem riesigen Bulldozer walzte er jahrelang über unseren Zivilisationsmüll hin und her, um ihn gleichzeitig zu zerkleinern und zu verdichten. An einem unvergeßlichen Heiligen Abend saß ich mit unseren beiden Buben unterm Weihnachtsbaum, als das Telefon schrillte. Ich hatte Bereitschaft und nahm sofort den Notizblock zur Hand. Vorerst gab es nichts zu notieren, sondern nur zu staunen. Der alte Mann, den ich flüchtig kannte, schrie mir in tiefster Verzweiflung mit tränenerstickter Stimme zu, daß ich nun zuhören könne, wie er sich mit seinem Karabinergewehr erschieße. Ich sagte ihm nüchtern, daß ich ihn am Telefon nicht daran hindern könne, daß es mir aber leid täte, wenn er das wirklich tue. Lange hörte ich nichts. Endlich befahl ich ihm, Kaffee aufzusetzen, ich käme dann mit ein paar wunderbaren Weihnachtsplätzchen meiner Frau vorbei. Dann würden wir die gemütlich zusammen essen und mal sehen, was man machen könne.
Der verzweifelte Alte war vollkommen überrumpelt, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Wohl eher aus Scham als aus Wut schrie er mich an, ich solle mich mit meinen Scheißplätzchen zum Teufel scheren, er schieße auf alles, was sich seiner Hütte nähern sollte. Ich rief die Einsatzpolizei aus Bern zu Hilfe und fuhr in vollem Kriegsschmuck durch den tiefen Schnee auf die eiskalte Lutzerenhöhe. Als ich in einiger Entfernung aus meinem alten R6 stieg, legte er tatsächlich in meine Richtung an. Ich wartete das Eintreffen der Kollegen ab und bat sie, einfach am Streifenwagen die Lichter brennen zu lassen und mir aus sicherer Deckung heraus Feuerschutz zu geben. Prompt konzentrierte sich der Alte auf den auffälligen Streifenwagen, legte an und zielte, zum Schuß kam er aber nicht mehr. Ich hatte mich hintenrum in sein Kabäuschen geschlichen und überwältigte den herzzerreißend schluchzenden alten Mann mit Leichtigkeit. Er klappte zu Tode erschrocken zusammen, und ich entlud in aller Ruhe sein Gewehr.
Dann fragte ich ihn beiläufig, wo denn der Kaffee geblieben sei, ich hätte ihn doch bestellt. Das machte ihn so wütend, daß er wieder aufsprang und mich schlagen wollte. Da scheuerte ich ihm tüchtig eine und alles war endlich ruhig. Ich setzte Kaffeewasser auf, fand Kaffeepulver, Zucker und Milch, richtete zwei Tassen her und schenkte ein. Die fern gebliebenen Kollegen schickte ich per Funk wieder weg, es war ja nichts weiter passiert. Schluchzend und schniefend erzählte mir der verarmte, alte und einsame Mann sein halbes Leben. Nach etwa einer Stunde sagte ich, das reicht jetzt, meine Familie wartet zuhause unterm Tannenbaum. Plötzlich erzählte er mit leuchtenden Augen, daß er früher Laute gespielt habe, daß er es wohl immer noch könne, aber keine Laute mehr habe. Ich wußte, daß eine unserer Gemeindehelferinnen ebenfalls Laute spielte. Ich versprach ihm, daß morgen Fräulein K. zu ihm kommen und sich seiner Probleme annehmen werde. In der ersten Januarwoche beschafften wir dem Alten im lokalen Einkaufsladen einen Aushilfsjob als Magazinergehilfe. So kam er endlich von der unappetitlichen, nervtötenden Arbeit auf der einsamen Müllhalde weg und wieder unter die Leute. Wir haben unter den schattigen Kastanienbäumen des "Sternen" noch einige gemütliche Bierchen zusammen getrunken. Ich war heilfroh, daß ich selber nicht in all der Aufregung auf ihn geschossen hatte, denn ich wäre nüchtern gewesen.... Es sind diese Dinge, die man Vorgesetzten besser nie, oder zumindest nicht in allen Einzelheiten erzählt.


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