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Demokratie
Autor: Jürgen Walther
Eingestellt am: 22.07.2006
Vom Oberlippenbart und anderen Schwierigkeiten mit der Demokratie

Mit der Demokratie war ich aufgewachsen, da hatte ich keine Zweifel, schließlich hieß es ja auch Deutsche Demokratische Republik. Ich fragte meine Eltern, Lehrer, Ausbilder und Vorgesetzten, was das denn eigentlich sei, Demokratie. Alle belächelten mich mitleidig, Antworten erhielt ich keine, brauchte ich auch nicht. Die Demokratie, das waren wir alle - dachte ich zumindest.
Mit 18 sah ich zum ersten Mal die Mauer und Stacheldraht und Minen - erst im Erdboden, dann am Zaun in Kopfhöhe. Unsere Soldaten waren immer gefechtsbereit, der Krieg stand doch unmittelbar bevor. „Die junge Demokratie muss verteidigt werden“, sagten sie mir und ich wollte dabei sein. Zwölf Stunden Dienst am Tag, einen Sonntag im Monat frei und 480 Mark der DDR auf die Hand – alles für die Demokratie. Dieses Opfer war einfach notwendig und ich brachte es.
Auch die Wahlen waren Demokratie, da stand immer nur eine Person auf dem Wahlschein und Kabinen gab es auch keine. Ich fragte, wo ich denn mit dem Schein hingehen soll, wenn ich nicht einverstanden bin. Mitleidig lächelte der Wahlbeobachter: „Nicht einverstanden? In der Demokratie? So was gibt’s doch gar nicht und wenn du durchstreichst, schreibe ich das hier gleich in mein Protokoll, das ist dann nicht gut für dich, ich müsste das deinem Chef melden, du hättest dann Probleme mit der Demokratie.“
1978 entschloss ich mich zu heiraten. „Langsam, langsam“, sagte mein Chef, „wir sind hier in einer Demokratie und du arbeitest bei den Sicherheitsorganen, da geht das nicht so einfach. Reiche doch bitte schriftlich die Adresse deiner vorgesehenen Ehefrau ein, wir prüfen dann und nach etwa drei Monaten können wir dir sagen, ob sie in eine demokratische Ehe mit dir passt“. - Und sie passte, immerhin war ihr Vater Parteigenosse und Abteilungsleiter in einem demokratischen Großbetrieb und die Mutter, natürlich ebenfalls in unserer Partei, Lehrerin an einer demokratischen Schule. Das roch nicht gut. Komische Demokratie, dachte ich, bloß schnell weg, bevor du hier noch daran erstickst.
Dann endlich, 1983 wurde ich auf eigenen Wunsch an die Grenze zu Tschechien versetzt. Ich war zurück in der Heimat, hier war ich aufgewachsen und kannte die Bäume mit Namen. „Grenz-ABV“, wie uns die Bevölkerung damals liebevoll nannte, eigentlich richtigerweise Grenzabschnittsposten, das würde nun meine zukünftige Aufgabe sein. Mit meinem alten Motorrad war ich fortan verantwortlich für 20 km Waldgrenze zur Tschechoslowakei.
1984 wollte meine Mutter nach vierzigjähriger Tätigkeit als Arbeiterin in der Demokratie – mittlerweile parteilos und Rentnerin - ihre Geschwister im Westen besuchen, von denen sie 40 Jahre getrennt gewesen war. „Sprich mit ihr!“, sagte mein Chef. „Sie soll hier bleiben und da nicht hinfahren, das ist schlecht für dich - Jürgen, warum muss sie denn nach 40 Jahren die Geschwister wieder sehen? Die erkennt sie doch gar nicht mehr!“ - Ich redete nicht mit meiner Mutter, das war mir schon 1984 zuviel an Demokratie und es lag wieder dieser schlechte Geruch in der Luft.


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