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Polizei
Demokratie
Autor: Jürgen Walther
Eingestellt am: 22.07.2006
Seite 3 von 5

Auch mir Grenzpolizisten stank diese verkalkte Regierung, ich konnte die Flüchtlinge verstehen, doch Abhauen war nicht meine Lösung. Hier bleiben und etwas Neues schaffen, das wollte ich. Ich schaute weg, als 1989 Kuriere des Neuen Forums illegal Widerstandsmaterial über diese Grenze nach Deutschland schafften. Wenige Monate später waren es dann eben diese mutigen Mitglieder des Neuen Forums, die unsere greisen Funktionäre zum Teufel jagten.
Die Grenzen öffneten sich wie von Zauberhand und alles veränderte sich. Getränkestützpunkte entstanden, Araltankstellen und Gewerbegebiete, Autohäuser auf der grünen Wiese, Frittenbuden alle zweihundert Meter und natürlich auch Freudenhäuser - Wahnsinn. Die Ostfrauen glaubten über Nacht nicht mehr an ihre Ostmänner und zogen mit geschniegelten, Schlips tragenden Versicherungs-verkäufern, gen Westen. Ein neuer Trabant ging für 1000 DM weg, meine Frau war nach zehn Jahren ihren Job als Kindergärtnerin los und weinte bitterlich. Was war hier bloß Sache in unserer heilen Welt? Ich hatte keine Illusionen mehr, es würde sehr schwer werden für die kleine DDR ohne Rohstoffe und mit einer Industrie, die fast nur für den Export in Richtung Osten ausgerichtet war.
Meine Zeit war gekommen, ich zog die Uniform aus und mein Freund Reinhard holte mich zur Zeitung. Er kannte meine heimliche Liebe für die Geschichte der Heimat und hatte schon seit Jahren mehrere kritische Artikel von mir unter Pseudonym in der Tageszeitung untergebracht. Als Zeitungsredakteur erlebte ich dann den Countdown der DDR, die letzten Tage mit dem Sturm auf die Kreisdienststelle der Staatssicherheit. Es waren die Tage, an denen morgens immer ein mit Kohlendreck verschmierter Mann auftauchte, der Heizer der benachbarten Kreisbehörde. Er diktierte der regimetreuen Chefredakteurin, was sie im Auftrag des Neuen Forums, dessen Bevollmächtigter er war, zu schreiben hatte. Die „rote Regina“, wie wir sie nannten, kuschte auch bereitwillig und veröffentlichte die Artikel der neuen Opposition. Damals glaubte sie noch, ihren Chefsessel in die neue Zeit retten zu können.
„Wendehals“ wurde jetzt für Jahre ein häufig benutzter Begriff im Osten. Wendehals - benannt nach einem unscheinbaren, graubraunen Vogel, der seinen Kopf um die Halsachse drehen kann. Ja, Wendehälse gab es jetzt in Massen, was blieb den Leuten auch anderes übrig, als zu behaupten, sie seien schon immer gegen dieses System gewesen? Auch Parteigenossen waren mit einem Schlag keine mehr da. Einst waren stolze 2,3 Millionen Mitglieder in dieser „Arbeiterpartei“, jetzt konnte ich nicht mal mehr einen Witz darüber machen, ohne aggressive Blicke zu ernten.
Eines Abends stand Manfred, mein letzter Dienststellenleiter, vor der Tür und bat um Einlass. Er fragte mich unverblümt, ob ich nicht Lust hätte, beim Aufbau einer neuen, demokratischen Polizei mitzumachen. Meine Erfahrungen und vor allem meine Ortskenntnisse seien jetzt sehr wichtig. Wir hätten jetzt sogar zwei Wochenenden im Monat frei, würden uns nicht mehr mit „Genosse“ anreden und der Oberlippenbart sei nun auch gestattet – toll! Bart und Genosse interessierten mich weniger, es war das Wort „demokratische Polizei“ das mich zur Umkehr trieb. Was war das wohl –„demokratisch“? Ich wollte das immer noch wissen und sagte wieder ja.


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