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Polizei
Demokratie
Autor: Jürgen Walther
Eingestellt am: 22.07.2006
Seite 2 von 5

1987 bat ich um Entlassung aus dem aktiven Dienst. Ich konnte das Wort Demokratie nicht mehr hören. Was war passiert? Ein Serienstraftäter hatte mich bei einer Verfolgungsfahrt vom Motorrad getreten und ich war in hohem Bogen durch die Luft geflogen und an einem Telefonmast hängen geblieben - schlecht gelaufen. Blauäugig wie ich war, hatte ich mit einem Angriff von einem fahrenden Motorrad nicht gerechnet. Der Kriminelle fuhr mit seinem Motorrad einen Schlenker und trat mich voll von der Karre, genau gegen die Telegabel meines Vorderrades und das bei 60 km/h.
Da lag ich nun, war verletzt und hatte zum ersten Mal einen demokratischen Auftrag nicht erfüllt. Genau das warf mir dann wenige Wochen später Oberstleutnant „Alwin“, unser Chefagitator und Politchef, in der Dienstversammlung vor. Meine Erfolge waren immer auch seine Erfolge gewesen. Jetzt wo ich zum ersten Mal gescheitert war, machte er sich über mich lustig und kritisierte mein angebliches Fehlverhalten während der Verfolgung. Ich war fast draufgegangen für die stolze, demokratische Republik, das interessierte ihn jedoch herzlich wenig. Und erneut spürte ich diesen widerlichen Fäulnisgeruch aufsteigen. Sie begann zu stinken, diese Demokratie.
Aus! Sense! Für diese greisen Arschlöscher wollte ich nicht länger meine Haut zu Markte tragen, diese Demokratie war nicht die meine, ich reichte einen Antrag auf Entlassung ein. Zwei Jahre musste ich auf die Entscheidung meiner allwissenden Vorgesetzten warten und so erlebte ich das Ende der DDR noch in Uniform, zumindest den Anfang vom Ende.
Wilde Jahre, diese Zeit zwischen 1989 und 1999, zehn Jahre, die wie im Flug vergingen und die in komprimierter Form für mich als Grenzpolizisten und Zeitungsreporter Erlebnisse bereithielten, mit denen ich nicht einmal im Traum gerechnet hatte. Dass dieser schöne, heimliche und dunkle Wald einmal Tummelplatz für alle Formen der Kriminalität werden würde, hatte in meinem Vorstellungsvermögen keinen Platz. Natürlich kannte ich die Geschichte der sächsisch-böhmischen Grenze, einer Grenze die nun schon mehr als 500 Jahre im Verlauf unverändert existierte.
Hier wurden bereits im Mittelalter Fürstenkinder entführt und der berühmte Wildschütz Karl Stülpner verweigerte den königlichen Wehrdienst. Er floh in die Grenzwälder und erlegte fortan illegal königliches Wild und brachte es, wie sollte es auch anders sein, den Armen vor die Tür. So eine Grenze bietet den Stoff aus dem Legenden werden. So wie die von den „roten Bergsteigern“, die in den Jahren der braunen Naziherrschaft geschickt die Grenze nutzten, um Hitler zu schaden, wo es nur möglich war. Da gingen Flugschriften, Kuriere, Waffen, aber auch Flüchtlinge über die Grenze, die dann in der damaligen Tschechoslowakei weiter ins Exil reisten.
Anfangs glaubte ich noch den Erzählungen der SED-Funktionäre, es seien nur Kommunisten gewesen, später wusste ich dann, es waren einfach mutige Deutsche und Tschechen, die unabhängig von Konfession und Parteizugehörigkeit etwas für Deutschland getan hatten. Natürlich konnte ich auch hier an dieser stillen, verträumten Grenze ohne Minen und Stacheldraht, auf Dauer nicht dem politischen Druck meiner Vorgesetzten entgehen. Über meine Grenze verließen dann 1989, während meiner letzten Tage in Uniform, unzählige Landsleute mit und ohne Gepäck die DDR. Ich war Tag und Nacht im Dienst und führte stundenlange Gespräche mit den Flüchtlingen, bat sie eindringlich bei uns zu bleiben. Mit wem sollten wir denn die neue Demokratie, die schon in der Luft lag, aufbauen, wenn alle abhauten?

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... Was ist Original? Alles was wir tun, alles was wir Denken existiert bereits und wir sind nur Vermittler. Das ist alles. Wir machen von dem Gebrauch was bereits in der Luft ist."
Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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