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Polizei
Die Plastiktüte
Autor: Bernd Röttger
Eingestellt am: 15.07.2006
Seite 2 von 2

„Beruhigen Sie sich, der Arzt ist gleich da“, rief ich dem älteren Ehepaar zu, während ich ebenfalls zum Streifenwagen lief und eine Decke aus dem Kofferraum holte.
„Bestell noch Verstärkung, die sollen hier absperren.“ rief ich meinem Kollegen zu und rannte zur Plastiktüte zurück.
Ich klemmte eine Seite der Decke hinter der vorderen Stoßstange fest und legte mir das andere Ende über die Schulter. Dann riss ich die Plastiktüte vorsichtig auf. Mir stockte der Atem. Aus dem blutigen Fleisch ragten zwei winzige Hände und der linke Fuß war noch zu erkennen.
„Au, Scheiße“, sagte der Kollege hinter mir, während er die Decke enger um mich zog.
Ich diesem Moment fuhr der Notarztwagen vor und eine junge Ärztin kam zu uns. Sie kniete sich neben mich, schluckte und versuchte an den winzigen Händen noch einen Puls zu erfühlen.
„Nichts mehr zu machen“, sagte die junge Ärztin mit stockender Stimme.
Die Plastiktüte mit dem blutigen Inhalt wurde von einem Bestatter zur Gerichtsmedizin gebracht. Das Auto des Ehepaares wurde zur Spurensicherung und Unfallrekonstruktion sichergestellt.
Der Tatort wurde gesichert, die vorhandenen Spuren vermessen und fotografiert. Wir schrieben unseren Bericht, die weitere Bearbeitung übernahm die Kripo.
Vierzehn Tage war dieser Vorfall unser Hauptgesprächsthema. Alle Anwohner der Straße waren befragt worden, leider ohne Erfolg. Berichte in der örtlichen Presse brachten uns auch nicht weiter. Es war zum Verrücktwerden, irgendjemand musste doch etwas wissen.
Eines Morgens rief unser Dienstgruppenleiter uns in sein Zimmer. Er teilte uns mit, dass sich am Vortag, ein 14jähriges ausländisches Mädchen bei der Kripo gemeldet habe. Sie habe das Baby auf der Bahnhofstoilette alleine entbunden. Aus lauter Verzweiflung und Angst vor der Familie habe sie es in die Plastiktüte gepackt und hinter den Vorderreifen des PKW der älteren Leute gelegt. In der Hoffnung, jemand würde das Baby finden und es an ihrer Stelle aufziehen.
Der Bericht der Gerichtsmedizin sei eindeutig. Das Baby sei bereits erstickt gewesen, bevor der PKW-Reifen über die Plastiktüte rollte.
Wenn ich mich nach all den Jahren frage, was ich damals gefühlt habe, so weiß ich dies nicht mehr. War es Wut, war es Trauer?
Sicher ist nur, dass ich beim Anblick mancher Plastiktüte an dieses kleine Bündel Leben denke, dass in eine Welt voller Möglichkeiten geboren wurde und dennoch keine Chance hatte.


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