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Vom Freund zum Feind
Autor: Lothar Riemer
Eingestellt am: 05.04.2006
„Ludwig, da läuft er! Schnell hinterher, sonst verlieren wir ihn“. Mein Streifenpartner tritt auf die Bremse, wendet und versucht dem Schatten zu folgen.
Eigentlich war ich viel zu müde, um noch mal auszurücken. 04:30 Uhr und der Stoffwechsel tendierte auf Null. Doch die Ehefrau in unserer Wache hatte eindringlich auf uns eingesprochen. Ihr Mann, Wolfgang M. hatte Selbstmord angedroht und war in die Nacht verschwunden. Die Frau klang glaubhaft und so notierte der Wachhabende alle Informationen. Als sehr depressiv und labil beschrieb sie ihren Ehemann. Oft hatte er von Suizid gesprochen. Nun befürchtete sie das Schlimmste.
Nachdem alle Daten aufgenommen waren, wurden eine Fahndung für den Großraum München herausgegeben. Anschließend fuhren wir zwei Nachtwandler mit der Ehefrau zur Wohnung, um diese und das nahe Umfeld abzusuchen. Auf dem Weg dorthin sahen wir Herrn M., der vom Polizeiauto verschreckt, im Laufschritt verschwand. Die Straßenbahnunterführung verschluckte ihn und uns hinderte die Treppe am Weiterfahren.
Ich springe aus dem Fahrzeug und renne in die Unterführung. Mein Partner versucht mit dem Fahrzeug auf die andere Seite zu kommen, um dem Mann den Weg abzuschneiden. Jetzt bin ich allein in der Unterführung – ich und der Selbstmörder. Meine Laufschritte müssen ihn auf mich aufmerksam gemacht haben, denn plötzlich bleibt er stehen und dreht sich langsam um. Auch ich verlangsame meine Schritte und versuche beruhigend auf ihn einzureden um ihn von seiner Absicht abzubringen. Diffuses Licht taucht uns beide in Einheitsgrau.
Wortlos zieht er ein langes Küchenmesser hervor. Ich kann die Klinge deutlich erkennen. Vermutlich will er mir sein Werkzeug zeigen. Also gehe ich weiter und rede ruhig auf ihn ein. Keine Reaktion, keine Gefühlsregung, kein Wort. Warum redet er nicht mit mir? Er kommt immer näher auf mich zu und hält das Messer vor sich. Die Messerspitze ist auf mich gerichtet. Blitzartig wird mir klar: „ Er will mich vorher umbringen, um anschließend sein Vorhaben auszuführen“. Weit und breit nichts von meinem Kollegen zu sehen. Hektisch quassle ich auf ihn ein, hoffe die Katastrophe abzuwenden. Und wieder die Frage: „Warum redet er nicht mit mir?“ Als er in Stoßweite ist, weiß ich, dass ich handeln muss!
Die Schusswaffe will ich nicht gebrauchen. Auch läuft mir die Zeit davon. Also mache ich einen Satz nach vorn und versuche gleichzeitig seine Hand mit der Klinge zu fassen. Das Messer bekomme ich aber nicht unter Kontrolle. Wie ein Liebespaar, eng umschlungen, wiegen wir uns in der Unterführung hin und her. Schließlich fallen wir zu Boden und rangeln dort weiter. Schweiß, Angstschweiß, bricht aus allen Poren. Wo ist mein Partner und vor allem, wo ist das Messer? Das Herz pocht mir wie ein Hammer im Kopf. Endlich bekomme ich das verdammte Ding zu fassen, schlage es aus seiner Hand und versuche den Mann festzuhalten. Halb benommen höre ich mich noch um Hilfe nach meinem Streifenpartner schreien. Die Sekunden dehnen sich wie Gummi. Endlich, die beruhigende Stimme von Ludwig, der Herrn M. von mir herunterreißt und ihm Handschellen anlegt. Ohne Worte und Widerrede lässt er sich zum Funkstreifenwagen abführen.
Ich liege keuchend am Boden. Körperlich und seelisch völlig verausgabt, gebe ich mich dem Gefühl der Erleichterung hin. Nach einigen Minuten versuchte ich auf wackligen Beinen zum Fahrzeug zu kommen. Es gelingt mir mit Mühe. Völlig erledigt lasse ich mich auf die Rücksitzbank neben unserem Selbstmörder fallen. Ludwig braust los, um Herrn M. im Bezirkskrankenhaus abzuliefern.
Schon während der wortlosen Fahrt drängt sich eine Frage in mein Bewusstsein und beschäftigt mich bis heute. Eine Frage, die er mir nie beantwortete.
Warum nur wollte er mich umbringen?


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