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Polizei
Demokratie
Autor: Thomas Angerer
Eingestellt am: 11.03.2006
Seite 2 von 2

Letztendlich waren nicht nur wir müde, sondern auch die Demonstranten. In unseren Reihen waren Kollegen, die noch von der vorigen Nacht da waren. Sie sollten bei der Heimfahrt 32 Stunden Dienst am Stück geleistet haben.
Ich hatte im Gassengewirr der Wiener Innenstadt vollständig die Orientierung verloren. Zu oft hieß es Aufsitzen und Verlegen. Wir fanden uns in der Kärntner Straße wieder. Sonst Treffpunkt von Touristen und Einkäufern. Heute hieß es, wir gegen sie. Die selbsternannten Hüter der Demokratie, die in Anlehnung an die Unabhängigkeitsbewegung gegen Nazideutschland „O5“ an die Wände und sogar an die Pallas-Athene-Säule vor dem Parlament schmierten, gegen uns, die Verteidiger einer, wie es später von internationalen Medien und unseren Freunden in der Europäischen Union geheißen hat, demokratiepolitisch bedenklichen Regierung.
Rhythmisch klopften unsere Schlagstöcke den Takt gegen die Schilde. Der Wasserwerfer tat sein Werk. Er duschte das Gegenüber aber auch einige von uns – die Düse war defekt und fabrizierte einen Springbrunnen bei Temperaturen von etwas mehr als Null Grad.
Räumen, lautete der Befehl. Alarmabteilung zuerst. Reservekompanie hinterher. Es gab kein Halten. Sie stürmten los. Alle. Nur einige wenige, mich eingeschlossen, waren wohl schon zu müde. Nicht nur körperlich. Vor allem im Kopf. Ich ging hinterher, forderte die wenigen versprengten Demonstranten auf, sich zu zerstreuen. „Schleicht’s Euch!“ auf gut wienerisch.
Ich ließ das Schild sinken. Kurz. Eine Bierflasche traf mich an der Brust und erweckte mich aus meiner Lethargie. Ein Stein prüfte meinen Helm auf seine Haltbarkeit. Ich überlegte kurz, ob ich mich fallen lassen sollte. Nicht weil mir etwas wehtat. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich besann mich, schloss zu meinem Zug auf. Wir sperrten die nächste Kreuzung. Es war wohl so gegen elf Uhr am Abend. Endlich Ruhe. Endlich Fahrzeuge mit Verpflegung. Endlich Zeit für klare Gedanken.
Das Handy. Mein Bruder. Nein, nein. Es ist mir nichts passiert. Ich habe zwar Eidotter, Milch, Farbe und Bier auf meiner Uniform. Meine Seele hat ein paar Schrammen. Meine polizeiliche Überzeugung ist ein bisschen ins Wanken geraten. Ja, es kam sogar kurz der Gedanke, dass ich mir das hätte ersparen können, wenn ich auf der Uni geblieben und weiter studiert hätte.
Letzten Endes blieb die Überzeugung, dass die, die am lautesten Toleranz fordern, selbst kaum Toleranz üben. Dass die, die Demokratie fordern, ihre Demokratie so auslegen, dass sie ihre politischen Gegner ausgrenzen.
Was blieb, ist eine Erinnerung. Es rief sich auch eine Erinnerung zurück an ein Lied. Unser Lehrer in politischer Bildung in der Polizeischule spielte uns einmal ein Lied vor. Der Titel „They call it democracy“. Sie nennen es Demokratie.
Was blieb, ist aber auch Verwunderung. Verwunderung über mich selbst, dass ich nicht knüppelschwingend der Horde folgte.
Und Bewunderung. Bewunderung meines Cousins, der in Deutschland lebt, dafür, dass es ein politisches Ereignis doch einmal geschafft hat, die trägen Österreicher zu einer politischen Willenskundgebung auf der Straße zu vereinen.


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