Kopf
Home
Idee & Ziel
Schreib einfach!
Die Texte
Die Autoren
Verein
Buchprojekte
Shop
Presse
Termine
News
Blog
Links
Gästebuch
häufige Fragen (FAQ)
Kontakt
Newsletter
Polizei-Poeten Logo
Polizei
Tote Nacht
Autor: Peter M. Schmid
Eingestellt am: 11.02.2006
Seite 2 von 3

Das erste was ich sehe sind zwei Füße – zehn Zentimeter über dem Boden.
„Scheiße“, rutscht es mir heraus. Wieder sehe ich Jan an und weiß, dass er dasselbe denkt. Zu spät! Hinter mir schluchzt jemand. Wie in Zeitlupe drehe ich mich um. Die Freundin steht da und schaut auf die bleiche hängende Gestalt. Mein Partner bringt sie und den Bekannten sofort ins Haus.
Bei mir geht immer noch alles in Zeitlupe. Ich sehe einen Plastik-Gartentisch mit weißer Decke und einen umgekippten Stuhl an der Wand. Hinten im Raum steht ein Spaten, eine Hacke und ein Rechen, verschiedene Werkzeug und was die Menschen sonst im Winter ins Warme räumen. Aus dem alten Radio auf dem Tisch kommt die Musik.
Ich gehe einen Schritt vor und hebe den hängenden Mann hoch, während die Rettungssanitäter ihn rechts und links packen. Zum Glück habe ich mein Messer immer dabei. Was sonst nur Äpfel schält oder Pizza teilt, schneidet jetzt den Strick durch.
Ein Ruck und schon merke ich was ich falsch gemacht habe. Ich habe über meiner Hand geschnitten und nun spüre ich am Strick das Gewicht des Mannes. Die Schlinge zieht sich wieder zu. Hätte ich unter der Hand geschnitten, würde das Gewicht allein auf den Sanitätern ruhen.
Wir legen ihn sofort auf den Boden, wo die Sanitäter mit der Reanimation beginnen. Ohne Erfolg. Ich hatte schon während des Abschneidens das Gefühl, das der Mann tot war.
Ich rufe im Revier an und lasse die Kriminalpolizei verständigen. Auch einen Arzt für die Leichenschau vergesse ich nicht. Dann beauftrage ich meinen Streifenpartner, nach den Angehörigen zu sehen und herauszufinden wer der Tote ist und ob er weitere Angehörige gibt.
Beziehungsprobleme oder Alkoholprobleme stellen sich als Motiv heraus. Der Bekannte ist der neue Freund der Freundin. Früher war er wohl der beste Freund des Toten. Sie kannten sich schon lange. Der Tote ist knapp über dreißig und wohnte einige Jahre mit seiner Freundin zusammen. Dann begann er zu trinken, erzählt mir die Frau. Irgendwann schlug er sie das erste Mal. Sie fand Hilfe bei seinem besten Freund. Trotzdem änderte sich nichts. Irgendwann war der beste Freund der „Neue“. Mehr erfahren wir nicht. Sie fängt wieder an zu weinen.
Nachdem auch die Sanitäter im Haus sind, fällt mir plötzlich ein, dass der Tote noch alleine draußen liegt. Zwar kann niemand die Terrasse und den Verschlag betreten, das Licht ist aber noch an. Etwas in mir sträubt sich, also gehe ich nach draußen.
Um das Licht auszumachen, muss ich über den Toten hinwegsteigen. Die Musik ist aus. Wer hat den Stecker gezogen? Während ich nach unten schaue, schauen die toten Augen zu mir zurück. Dann ist es Dunkel. Trotzdem weiß ich, dass die Augen noch da sind. Leer, weder glücklich noch traurig, als wäre da nie Leben gewesen. Ich steige vorsichtig zurück und gehe ins Haus.
Mein Kollege redet mit den Angehörigen, während der inzwischen eingetroffene Arzt die Todesbescheinigung ausfüllt. Ich weiß nicht was ich zur Exfreundin und ihrem „Neuen“ sagen soll. Was könnte sie trösten? Nichts fällt mir ein, also schweige ich. Der Arzt ist da anders: „Nun ist er tot, was soll man machen?“ meint er. Ich weiß, wie er es meint, Reisende kann man nicht aufhalten. Trotzdem weint die Freundin jetzt stärker. Ich schaue wieder meinen Partner an. Wie werden wir diesen Arzt schnell los?


zurück   1  2  3   weiter
(6010)
Share in Facebook

* Aktuelles * (21.11.2017)
News:

Neue Texte:
Himmelfahrtskommando (T. Knackstedt)

Neue Autoren:

"Ich entschloß mich von dem Standpunkt meiner eigenen Erfahrungen zu schreiben, von dem was ich wusste und was ich fühlte. Und das war meine Rettung...

... Was ist Original? Alles was wir tun, alles was wir Denken existiert bereits und wir sind nur Vermittler. Das ist alles. Wir machen von dem Gebrauch was bereits in der Luft ist."
Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
Newsletter
Zum Bestellen unseres Newsletters senden Sie bitte eine eMail an:
info@polizei-poeten.de

Home   Idee & Ziel   Schreib einfach!   Die Texte   Die Autoren   Verein   Buchprojekte   Shop   Presse   Termine   News   Blog   Links   Gästebuch   häufige Fragen (FAQ)   Kontakt   Newsletter   
Impressum & Datenschutz    eMail an uns

©2002..2017, POLIZEI-POETEN, Volker Uhl, Robinienweg 6, D-79189 Bad Krozingen
Besucher (seit 1.9.2002):
counter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conceptioncounter by web-conception


gestaltet von: Web-Conception Internet Service   www.web-conception.de