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Polizei
Michael
Autor: Thomas Eppensteiner
Eingestellt am: 15.01.2006
„Es war am Ende fast nichts mehr von seiner Leber übrig. Der Arzt hat gesagt, die Giftstoffe sind zuletzt ungefiltert in seinen Körper gelangt, ...er hat angeblich nichts mehr gespürt.“
Meine Mutter heult ihre ganze Trauer ins Telefon.
Ich bin peinlich berührt, muss die nächste U-Bahn erreichen, bin eh` schon spät dran. Der Gedanke, etwas antworten zu müssen, widert mich fast an, ist mir unangenehm. „Ja, tragisch, ist nicht notwendig, mit siebenundvierzig Jahren.“
Ich weiß nicht, was ich ihr sonst sagen soll. Der nächste Zug geht in zwei Minuten, ich muss mich beeilen, bin schon spät dran, hoffe, dass sie mich nicht braucht. „Soll ich zu dir ins Spital kommen?“, frage ich, fast alibimäßig.
„Nein, danke, geht schon, du hast sicher viel zu tun. Wolfgang und Mathias kommen in der nächsten Stunde sowieso.“
„Ja, ich hab wirklich viel zu tun. Ich melde mich, ruf` an, wenn Du was brauchst.“ Ich hänge auf, bevor sie noch antworten kann. Kann ja auch eine Netzstörung gewesen sein.
Der Zug ist da. Graue Gesichter, Alltag.
Michael ist letzte Nacht, um 03.25 Uhr gestorben.
Der Zug fährt ab, das Leben geht weiter. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Kann sich der Bürotyp gegenüber von mir vorstellen, dass ich letzte Nacht meinen Halbbruder verloren habe? Nein, er ist in seine Zeitung vertieft. Mir ist es selbst fast unheimlich egal gewesen, als mich Mutter benachrichtigt hat.
Dreizehn Jahre ohne Kontakt geben mir das Recht, gleichgültig zu sein. Das Recht nehme ich mir, dachte ich.
Wie habe ich ihn gehasst, als er sich bei seinen Alkoholexzessen den Kollegen gegenüber als der Bruder eines Polizisten ausgegeben hat. Die peinlichen Anrufe und Nachfragen, ob das auch stimmt, was man mit ihm denn tun soll.
„Sperrt ihn ein, ins tiefste Loch“, hab ich dann meistens gesagt.
Verdammt, wie kann ich so gleichgültig sein. Ein Mensch ist tot, seine Mutter, meine Mutter, hat ihn überlebt. Das Recht habe ich nicht.
Der Bürotyp blickt auf, sieht mich an.
Was denkt er sich jetzt?


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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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