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Oh du fröhliche...
Autor: Ulrich Praske
Eingestellt am: 24.12.2005
Es war der Mittwoch zwischen dem zweiten und dritten Advent. Ich hatte Spätdienst und fuhr an diesem nasskalten Tag mit meinem Krad in der kurzen, einsatzfreien Zeit an unserem Stadtteilweihnachtsmarkt vorbei. Beidseits der Fahrbahn ein paar Buden und ein Kinderkarussel von welchem ohne Unterlass die gängigsten Weihnachtslieder dröhnten.
Dort fiel mir ein kleiner, ca. dreijähriger Junge mit seinem Laufrad auf. Er trug einen pinkfarbenen Fahrradhelm und war in Begleitung seiner Mutter.
Hey, cool, dachte ich, so ein Laufrad ist sicherlich eine gute Vorstufe zum Erlernen des Fahrradfahrens. Die Mutter schaute zu mit herüber, und ich konnte von ihren Lippen ablesen, wie sie dem Jungen sagte: „ Schau mal, ein Polizeimotorrad.“ Der Junge schaute auf, lächelte und winkte. Ich winkte zurück und schon waren die zwei im Getümmel des Weihnachtsmarktes verschwunden.
Eine halbe Stunde später, klingelte das Telefon auf der Wache. Der Einsatzgrund wurde mir mitgeteilt, „ein Kind wurde angefahren, der Notarzt rollt.“
Mit meinem ebenfalls altgedienten Kollegen fuhr ich zum Einsatzort.
Als ich mich der Unfallstelle näherte, bemerkte ich sofort den pinken Helm am Fahrbahnrand. Der Verkehr staute sich, der Notarzt traf mit uns ein.
Ich sah das verbogene Laufrad und wusste sofort, um welches Kind es sich handelte. Die Mutter kniete auf der Fahrbahn neben dem leblosen Körper und der Notarzt begann sofort mit seiner Arbeit.
Nur mit Mühe gelang es mir die schreiende Mutter zum Aufstehen zu bewegen und von ihrem Kind wegzuführen. In einem kurzen Moment der Besinnung erzählte sie mir, immer wieder unterbrochen von Weinkrämpfen, was passiert sei. Sie kamen vom Weihnachtsmarkt und mussten auf dem nach Hausesweg eine sechsspurige Strasse überqueren, deren Fahrbahnen durch einen Mittelstreifen und eine Mittelinsel getrennt sind. Nachdem sie bei Grün die ersten drei Fahrstreifen überquert hatten befanden sie sich auf der Mittelinsel. Dort mussten sie warten, da die nächste Ampel für die Fußgänger Rot zeigte.
„Ich sagte ihm noch, halt! Es ist Rot Jasper. Und er hielt auch direkt neben mir an. Dann schaute er zu mir auf, lächelte mich an, stieß sich mit beiden Beinen ab und fuhr vorwärts in den fließenden Verkehr. Meine Hand griff ins Leere und dann kam das dumpfe Aufprallgeräusch.“
Das Kind wurde 29 Meter durch die Luft geschleudert und lag jenseits der großen Kreuzung auf der Fahrbahn. Ein normal fahrender Pkw hatte das Kind erfasst.
Der vollkommen aufgelöste Fahrer erzählte mir, dass er mit dem fließenden Verkehr fuhr, als er plötzlich das Aufprallgeräusch vernahm. Dann habe er sofort gebremst.
Erst nach 30 Minuten Behandlung auf der Fahrbahn riskierte der Notarzt den Transport in den Rettungswagen. Dort folgen weitere 30 Minuten Behandlung bis der Notarzt grünes Licht für den Transport in die Uni-Klinik gab.
Eine endlos lange Zeit, in der ich mich um die Mutter kümmerte. Tröstende Worte fand ich kaum, und als Vater von zwei Kindern konnte ich nur allzu gut ihren Schmerz, ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht verstehen. Sie durfte dann im Führerhaus des Rettungswagens Platz nehmen und mit in die Klinik fahren.
Dann war auch schon alles vorbei.
Nur noch die Kreidestriche auf der Fahrbahn zeugten von dem Geschehen.
Ich sah die Straße hinauf zum Kinderkarussel des Weihnachtsmarktes. Es drehte sich weiter. Aus den Lautsprechern klang „O du fröhliche…“
Jasper ist bis heute nicht aus dem Koma erwacht.
Dieses Weihnachten wird anders.


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