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Polizei
Eine halbe Stunde
Autor: Helmut Wetzel
Eingestellt am: 21.11.2005
Seite 3 von 4

Ist ja so – sie kann den Bus nicht sehen, muss bei jedem Dieselgeräusch einen Passanten oder den Fahrer ansprechen, fragen. Eine halbe Stunde für einen Mitmenschen. Jetzt ist es so weit, ich werde auch noch pathetisch.
„Gut, setzen wir uns auf die Bank.“
Ich will die drei, vier Schritte zur Bank gehen, sie aber bleibt stehen, unbeweglich. Also bleibe ich auch neben ihr stehen, trete unruhig von einem Fuß auf den anderen. Zwei, drei Minuten vergehen. Sie sagt nichts. Sieht mich an. Sieht sie mich? Das Schweigen ist mir unangenehm, macht mich nervös. Ich überlege, was ich sagen könnte. Small Talk ist nicht gerade meine Stärke, aber was soll’s?
„Wohnen sie hier in der Stadt?“
„Nein.“
O.K., dann eben nicht. Soll ich einfach weitergehen? Ich könnte ja nachsehen und abzählen, als wievielter Bus der 52er kommt. Dann bräuchte sie mich nicht mehr. Oder noch ein Versuch? Ich könnte fragen, wohin sie will. Oder wirkt das zu neugierig? Schließlich ist sie eine Fremde, bin ich fremd für die. Vielleicht muss sie in die Klinik, ist krank. Oder besucht einen kranken Verwandten. Oder...
„Sie sind bestimmt Busfahrer oder Beamter oder so was?“
„Was? Wieso...wie, Beamter?“
Ich ärgere mich, dass ich losstammele, ohne zu überlegen. Aber sie hat mich überrascht. Wer möchte sich schon anhören wie ein Busfahrer oder Beamter? Wieso wirke ich so?
„Der nächste Bus der Linie 52 kommt um Fünfzehnuhrzweiunddreißig.“
Sie wiederholt den Satz in meinem Tonfall. Ich erkenne mich wieder und merke, wie förmlich, wie hölzern sich das anhört. Werde ich rot? Kann mir eigentlich egal sein, ärgert mich aber doch.
Sie lächelt zum ersten Mal. Ein nettes Lächeln, kein überhebliches, obwohl sie eben einen Punktsieg errungen hat.
„Sie machen sich über mich lustig.“
„Nein, aber es hat sich so drollig angehört.“
„Manchmal ist es gut, sich klar und deutlich auszudrücken.“
Schon wieder so ein Satz, aber sie lächelt nicht.
„Stimmt. Und manchmal ist es besser, gar nichts zu sagen.“
Wie meint sie das? Die Pause wird schon wieder sehr lang, ich habe aber keine Lust, das Gespräch in Gang zu halten. Irgendwo habe ich gelesen, man könne einen guten Freund daran erkennen, dass man schweigend nebeneinander sitzen kann, ohne es als unangenehm zu empfinden. Diese Frau ist aber definitiv nicht meine Freundin, schon gar keine gute.

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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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