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200-Meter-Mensch
Autorin: Janine Binder
Eingestellt am: 21.09.2005
Es ist kurz vor Feierabend. Wir sitzen alle auf der Wache herum und warten darauf, dass die Zeit vergeht. Noch zehn Minuten und wir knnten gehen. Auf einmal flitzt unser Chef durch den Raum.
"Einer muss raus, da liegt ein totes Wildschwein mitten auf der Fahrbahn."
Zwei Kollegen stehen auf und dsen los das Wildschwein von der Fahrbahn rumen, damit keiner mehr drber fhrt.
Zwei Minuten spter. "Schnell noch wer raus, da soll wer von einer Brcke gesprungen sein."
Er gibt mir die rtlichkeit und mein Kollege und ich dsen los. Kurz kommt mir die Ortsangabe komisch vor, hab ich doch eben schon mal gehrt, aber keine Zeit drber nachzudenken. Blaulicht an und los gebrettert.
Neben mir auf dem Beifahrersitz sitzt mein Kollege. Viel lter als ich, aber grade mal ein Jahr Erfahrung. Er wird immer weier im Gesicht. Ich gucke ihn an, "Alles Klar?"
"Grmpf, das ist dann mein erster Toter...."
Tja, was sagt man da als 22-jhriges Gr, das von einem Verbrannten bis zu einer Wasserleiche schon so ziemlich alles gesehen hat. Erstmal gar nichts. Dann sag ich ihm, dass er sich nicht alles genau ansehen soll und wenns ihm schlecht geht, kann er sich ruhig in den Streifenwagen verkriechen, ich wrde das dann schon alles irgendwie machen. Er nickt und stiert weiter auf die Fahrbahn, whrend ich blaublinkend durch den Verkehr fliege. Blde Situation.
Wir treffen vor Ort ein. Die Kollegen, die das *Wildschwein* von der Fahrbahn entfernen sollten, sind schon da. Daher kam mir die rtlichkeit so bekannt vor. Erleichtert will ich schon aufatmen, kein Brckenspringer, nur totes Schwarzwild, doch dann sehe ich die blutigen Spuren auf der Fahrbahn. Ich schlucke, kein Wildschwein. Eindeutig ein Mensch, oder das, was von ihm noch brig ist.
Er hat es genau abgepasst und einem Vierzigtonner direkt vor die Windschutzscheibe gesprungen. Der Fahrer sitzt schockiert am Straenrand. Alleine. Ich gucke in die Runde, alle stehen ein bisserl ratlos herum. Also nehme ich das in die Hand.
"Ok, wach werden. Tom, ihr nehmt den Unfall auf?"
"Jaaaaaa."
"Gut, dann mach ich euch Fotos und ne Skizze."
Ein erleichterter Blick der Kollegen. Ich lchle geqult. Weitere Streifenwagen kommen an, unter anderem Cheffe, der direkt die Einteilung bernimmt.
"Einer hoch auf die Brcke, gucken, ob oben auf der Brcke noch ein Auto oder so steht. Wir mssen wissen, wer das ist."
Er deutet viel sagend auf den grten Blutfleck. Ein Kollege rennt die Treppen der Brcke hoch.
"Einer bleibt beim Lkw-Fahrer und lsst ihn nicht aus den Augen. Ich will hier nicht noch einen haben, der von der Brcke springt." Nicken, eine Kollegin setzt sich in Bewegung.
Ich krame im Kofferraum whrend hinter mir aus dem Stau ein Hupkonzert einsetzt. Block, Stift, Kamera, Messrad, alles da. Das Hupen hrt nicht auf. Ich drehe mich um und marschiere auf den hupenden Benz zu. Kaum bin ich da gehts los.
"Ich muss hier vorbei. Die Fahrbahn ist doch frei, was soll denn das. Ich werde mich bei ihrem Vorgesetzten beschweren, an hchster Stelle. Ich habe einen eiligen Termin."
Ich zucke die Achseln und ffne ihm die Tre. Er guckt erst dumm und steigt dann aus. Im Scheinwerferlicht seines Autos sieht er die rechte Hand des Toten liegen, und zwar nur die rechte Hand. Er sieht mich schockiert an, schluckt, steigt in sein Auto und sagt nichts mehr. Ich lchle ihn an, gebe ihm meine Visitenkarte,
"Hier knnen Sie ihre Beschwerde hinschicken." Er schttelt den Kopf und lsst die Finger von der Hupe. Braver Kerl. So kann ich dann auch arbeiten.


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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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