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Polizei
Schweben
Autorin: Janine Binder
Eingestellt am: 22.09.2005
Seite 2 von 2

Mit quietschenden Reifen und nach verbranntem Metall riechenden Bremsen halten wir vor der Uniklinik. Ich sehe uns den Empfang betreten, ahne, was uns erwartet und schwebe wieder davon.
„Politrauma von der Autobahn?“ Ich sehe mich nicken. „Ist auf der Intensiv, können sie aber hin.“
Ich sehe uns durch die Gänge gehen, an einer Türe klingeln und höre wie mein Kollege mit einem Arzt redet.
„Nein, ich kann die Dame nicht identifizieren...von ihrem Gesicht ist nicht viel übrig. Aber vielleicht will ihre Kollegin....... gucken.“
Er nickt mir zu und ich sehe mich ihm in einen Raum folgen. Ich sehe, Blut auf dem Boden, nicht nur ein bisschen, sondern ganze Lachen, Papiertücher und leere Blutkonserventüten. Viele grün bekittelte Menschen stehen hektisch und betriebsam um ein Bett herum. Auf dem Bett eine Frau, nackt und mit offenen Augen. Sie sieht mich an, denke ich. Unsicher blicke ich zum Arzt und höre mich von weit her fragen.
„Sie ist wach?“
„Nein, sie bekommt nichts mit, sie hat nur die Augen geöffnet.“ Ich nicke erleichtert und bilde mir trotzdem ein, dass ihr Blick mir folgt.
„Kommen sie näher.“ Ich sehe, wie ich an das Bett trete und den Ausweis aus meiner Tasche fingere. Ich halte ihn hoch, vergleiche. Erst jetzt sehe ich, was mit ihrem Kopf nicht stimmt, ab den Augenbrauen fehlt die Schädeldecke und seltsame Instrumente stecken in dem Teil des Hirns, den ich sehen kann. Schnell vergleiche ich, Augenbrauenform passt, ich sehe mir die Zähne an und vergleiche. Ja, ich habe die Frau vom Personalausweisfoto vor mir, nur das sie auf dem Foto hübsch ist und in die Kamera lächelt. Das Foto hat außer den Brauen und Zähnen nichts mit dem gemein, was dort auf dem Bett liegt. Still und leise verlasse ich das Zimmer. Mein Geist folgt mir, segelt hinter meinem Körper durch die Luft, nimmt nicht mehr wahr, wie der Kollege mir die Hand auf die Schulter legt, bekommt nicht mehr mit, wie wir die Wache erreichen. Erst als das Telefon klingelt, erwache ich aus meiner Trance, fühle wieder was, gehe nicht nur dumpf meinen Pflichten nach.
„Autobahnpolizei!“
„Uniklinik, hier.“
„Ja?“
„Ich wollte nur nachfragen, ob die Dame noch Verwandte hat und ob diese sie noch mal sehen wollen, dann würden wir sie so lange am Leben erhalten.“
„Wir konnten noch niemanden erreichen.“
Stille am anderen Ende, dann ein Räuspern.
„Gut, dann hat die Quälerei für sie jetzt ein Ende. Todeszeitpunkt: 23:50h“
Ich höre einen lang gezogenen Piepston, dann nichts mehr.
Ich schwebe wieder durch den Raum, setze mich auf einen Schrank und sehe mir dabei zu, wie ich den Unfallbericht tippe. Erst als Kollegen mit einem Teller voll Grillfleisch und einer Kiste Bier im Raum erscheinen, verspüre ich Lust in meinen Körper zurückzukehren. Feierabend hätte ich schon vor Stunden gehabt.
Ich drücke auf Enter und der Drucker spuckt zehn Seiten aus. Ich setze eine Bierflasche an und leere sie rasch zur Hälfte. Jemand steht hinter mir.
„Kommst du klar.“
„Jaja.“ sage ich, ein bisschen zu rasch und wedele ungeduldig mit der Hand. Er lässt nicht locker.
„Kannst du schlafen, heute?“ Ich schüttele den Kopf. Seine Hände legen sich auf meine Schultern, massieren sanft den Druck in meinem Nacken weg.
„Ich auch nicht.“ Ich leere meine Flasche, er reicht mir eine Neue. Ich sehe in seinem leeren Blick, dass nicht nur ich heute einiges zu verarbeiten habe.


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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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