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Schweben
Autorin: Janine Binder
Eingestellt am: 22.09.2005
Ich blicke auf mich hinunter und sehe mich, sehe meine verschwitze Uniform, sehe das Kleinkind auf meinem Arm. Der Kleine hat einen dunkelbraunen Fleck am Mund, auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte er beim Schokimampfen gekleckert, auf den zweiten erkennt, man das Blut. Ich muss ihn festhalten, weil er zappelt und sich windet und nach seiner Mutter schreit. Seine Zunge blutet immer noch, da hat er sich drauf gebissen, als das Auto mit ihm, Mama, Oma und Opa mit 120 Sachen unter einen auf dem Seitenstreifen stehenden Lkw fuhr.
Ich sehe, wie ich mich mit dem Kleinen auf dem Arm umdrehe und wegbewege, wie ich ihn aus der stressigen Zone heraustrage, vorbei an seinem total zerfetzten Kindersitz, vorbei an dem Auto, in dem seine Mutter immer noch sitzt und an dem 20 Feuerwehrmänner mit schwerem Gerät arbeiten, um sie frei zu bekommen. Vorbei an seiner Oma, die gerade auf der Beifahrerseite aus dem Auto gezogen wird, deren Gesicht so zerschnitten ist, dass ich dem Kleinen schnell die Hand vor die Augen lege. Ich sehe mich und ihn weiter gehen, sehe, wie ich mich wegdrehe, damit er nicht sieht, wie die Ärzte um das Leben seines Opas kämpfen, wie dessen Körper sich aufbäumt, als der Arzt zum wiederholten Mal die Defibrilatoren ansetzt und einschaltet.
Der Kleine wird ruhiger kuschelt sich in meinen Arm und wimmert leise, ich höre mich ihm zuflüstern, wispere kleine Versprechen in sein Ohr und höre, wie der Arzt, der neben seinem Opa kniet, sagt:
“OK, bringt nichts. Todeszeit 19:30 h!“
Ich spüre, wie sich die Dinge um mich beruhigen, merke, wie ich wieder in meinen Körper zurückkehre und streiche dem Kleinen eine Locke aus der Stirn.
Eine Rettungssanitäterin nimmt ihn mir ab und er klammert sich verstört an mich.
„Nicht weggehen, Tante Pollzei.“
Ich halte ihm das Händchen während die Sanitäterin ihn auszieht und seine kleinen Verletzungen begutachtet.
„Kleiner Mann, da hast du aber mächtig Glück gehabt.“
„Bin schon groß“, nuschelt er und lutscht zaghaft an meinem Notfallschokoriegel. Er braucht ihn nötiger, als ich. Ich verbiete mir, darüber nachzudenken, ob man es Glück nennen kann, dass es ihm gut geht während mein Kollege gerade ein schwarzes Tuch über seinen Großvater breitet.
Schnell wische ich den Gedanken weg. Verabschiede mich von dem Zwerg und gehe meiner Arbeit nach. Fotos machen, messen, Personalien einsammeln, Zeugen anhören. Überall wuseln Kollegen herum. Die Feuerwehr arbeitet immer noch fieberhaft daran die Mama des Kleinen aus dem Auto zu bekommen.
Der Hubschrauber landet. Als man sie endlich aus dem Auto holt, merke ich, wie ich wieder aus mir herausdrifte, wie ich alles wieder aus der Ferne beobachte. Sehe mich das Auto durchsuchen, sehe mich eine Handtasche durchwühlen, aus der Blut tropft. Ich sehe, wie ich würgen muss, als ich ein Portemonnaie herausziehe an dem wabbeliges weißlich graues Zeug klebt. Ich sehe mich meine Arbeit tun, ohne Gefühl alles erledigen, was getan werden muss.
Ich sehe meinen Kollegen und mich neben der Leiche des Großvaters knien, sehe, wie wir ihn herumrollen, um an das Portemonnaie in seiner Gesäßtasche zu kommen. Ich sehe, wie mein Kollege seine mit Urin und Kot verschmutzten Aidshandschuhe ins Gras wirft, nachdem er die Hosentaschen durchsucht hat und sich abwendet, während ein anderer die Hose zerschneidet, um an den Ausweis zu gelangen. Ich sehe mich schwitzen, weil der Leichnam so schwer ist und ich ihn nicht mehr lange festhalten kann.
Ich sehe, wie mir jemand einen Notfallschokoriegel zusteckt und ich ihn geistesabwesend esse. Gut, dass ich schwebe und alles von fern wahrnehme, wäre ich in mir, mich würde es zerreißen.
Mein Streifenwagen rast über die Autobahn, ich merke selbst, dass ich zu schnell fahre, aber ich hab mich nicht mehr unter Kontrolle, muss irgendwas rauslassen und lasse es über das Gaspedal raus. Mein Kollege lehnt sich entspannt zurück und schließt die Augen.
„Ich vertrau dir, gib ruhig Gas.“


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Henry Miller, aus einem Interview in den 60-iger Jahren
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