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Der Schulranzen
Autor: Lothar Riemer
Eingestellt am: 10.09.2005
Nieselregen, es dämmert schon - der Herbst von seiner hässlichsten Seite. Die Nachmittagsschicht plätschert dahin. Mein Partner und ich verbreiten Sicherheit in unserem Münchner Revierbereich und fahren einfach so dahin.
Aus dem Augenwinkel, gerade so im Vorbeihuschen, sehe ich ein kleines Mädchen am Straßenrand stehen. Vermutlich war es eher der große Schulranzen, der mir reflektierend auffällt.
„Halt doch mal an und dreh um. Mit dem kleinen Kind stimmt irgendetwas nicht“, sage ich zu Martin. Schnell wird gewendet und schon kommen wir auf Höhe des Mädchens zum Stehen.
Von Weinkrämpfen geschüttelt steht das Schulkind allein am Straßenrand. Sie ist vielleicht acht Jahre alt, ordentlich gekleidet und über ihre Wangen kullern die Tränen. Als dreifacher Familienvater erwacht natürlich gleich der Beschützerinstinkt und beim Herantreten überlege ich mir noch, was dem Kind wohl schreckliches widerfahren ist. Ungezwungen gehe ich auf die Kleine zu und frage sie, was denn los sei.
„Ich bin auf dem Nachhauseweg von der Schule und habe so fürchterlich Angst“.
Mein erster Gedanke ist natürlich, dass das wohl nicht alles gewesen sein kann. Aber selbst auf Nachfrage beharrt sie darauf. Ihre Mutter holt sie nie von der Schule ab und jetzt im Herbst hat sie einfach „nur“ Angst. Heute ist es besonders schlimm und sie kann keinen Schritt mehr gehen.
„Da hilft nur noch mein Einsatzkoffer“, denk ich mir und nehme Kathrin (wir duzen uns bereits) an die Hand. Am Fahrzeug angekommen, stelle ich kurz Martin vor und öffne meinen billigen OBI Koffer. Neben Formblättern, diversen Schlossöffnern, Tempos und dem sonstigen Kleinkram kommen dann Gummibärchen zum Vorschein. Großzügig soll sich Kathrin bedienen. Süßigkeit hebt den Zuckerspiegel und schafft Wohlgefühl. Zigaretten für mein erwachsenes Klientel und Süßigkeiten für die Kinder. Oft mehr gebraucht als meine Formblätter. Die Gummibärchen im Mund hin und her schiebend, erklärt mir das Mädchen wo sie wohnt und kurze Zeit später stehen wir in der Wohnung. Die Mutter sitzt mit einer Freundin bei einer Tasse Kaffee. Sie ist ganz schockiert, als ich mit ihrer Tochter im Wohnzimmer stehe und befürchtet schon das Schlimmste – was wir Erwachsene eben immer so denken.
Während unseres Gespräches wird deutlich, dass die Mutter keine Ahnung von den Ängsten ihrer Tochter hatte. Und wenn, tat sie diese vermutlich als kindliche Übertreibung ab. „Nehmen sie die Angst ihrer Tochter ernst, auch wenn sie sich nicht in ihre Lage versetzen können. Für Kathrin ist es eben sehr schlimm in dieser Jahreszeit allein nach Hause zu gehen. Ich bitte sie, das Kind in Zukunft von der Schule abzuholen“. Mit diesen mahnenden Worten, und einem Lächeln von Kathrin, verabschiede ich mich.
Mein Streifenpartner wartet schon ungeduldig, als ich nachdenklich ins Fahrzeug einsteige.
Wie viele Menschen hier bei uns, ob Groß oder Klein, fühlen sich allein gelassen, hilflos und ängstlich. Wer ist mein Nächster, wird Jesus von seinen Jüngern gefragt. Heute war es Kathrin.


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