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Zu spät
Autorin: Janine Binder
Eingestellt am: 25.07.2005
Ich stehe auf der Brücke, schaue runter. Unter mir liegt was im Mittelstreifen der Autobahn. Ich will nicht erkennen was, trotzdem weiß ich es, ohne die drum herum wuselnden Polizisten und Sanitäter, Notärzte und Pressefuzzis. Da liegt ein Toter. Hatte einen Unfall, wurde herausgeschleudert, letzte Nacht. Niemand hat ihn gefunden. Zeugen haben behauptet, er wäre weggerannt. Wie die darauf kamen, weiß kein Mensch. Den Fußabdrücken im Matsch nach, sind die Feuerwehrleute direkt neben ihm gestanden und haben ihn wegen der Dunkelheit nicht gesehen.
Ich richte meinen Blick in die Ferne. Denke daran, wie mein Kollege und ich ihn eben gefunden haben. Ich sah irgendwas dort liegen. Der Kollege wollte schon weiterfahren, meinte, es sei bloß Müll. Aber ich hatte ein komisches Gefühl. Ich hatte Recht, schon beim Aussteigen sehe ich, dass das kein Müll, sondern ein Mensch ist.
Ich knie mich hin, mein Kollege baut Lämpchen und Hütchen um uns herum auf. Ich spreche mit dem Menschen, noch weiß ich nicht, ob er noch lebt. Ich stupse ihn an, er fühlt sich kalt an. Sein Arm rutscht von seinem Gesicht. Die eine Hälfte ist nur noch eine blutige Masse. Fliegen sitzen auf seinem intakten Auge. Trockenes Blut klebt an seinem Mund. Ich schlucke kurz und nehme seine Hand. Kalt. Hart. Tot. Ich beuge mich über ihn, kein Atem. Keine Bewegung nichts.
Mein Kollege kommt dazu, hat den Notarzt bestellt. „Wir müssen ihn beatmen.“ Ich schüttele den Kopf, deute auf das Gesicht, von dem die Hälfte fehlt. „Kann ich nicht.“ Mein Kollege tritt von einem Fuß auf den anderen. „Wir müssen! Du bist kein Arzt. Nur der Arzt kann den Tod feststellen.“ Ich nicke.
Wir drehen ihn ein bisschen herum. Ich blase durch ein Hygieneset Luft in seine Lungen, mein Kollege drückt im Rhythmus auf die Brust. Ich atme alte Luft ein, tote Luft. Ich würge, ekele mich. Reiße mich zusammen, blase wieder Atem in seinen Körper. Später erfahre ich, dass der Mann schon 5 Stunden tot war, als ich versuchte ihm meinen Atem zu spenden. Grade als ich denke, ich kann nicht mehr, trifft der Notarzt ein.
„Braucht nicht weitermachen, hat keinen Sinn mehr,“ sagt er nach einem Blick auf den Menschen und legt mir die Hand auf die Schulter. Ich nicke, wische mir über den Mund und verzieh mich, als die anderen Wagen eintreffen auf die Brücke, die an genau der Stelle über die Autobahn führt.
Ich mache Fotos. Gucke, dass die Pressefritzen nichts fotografieren, was aus ethischen Gründen nicht in die Morgenzeitung gehört und hänge meinen Gedanken nach. Plötzlich sehe ich zwei Leute auf meine Brücke zukommen. Ich erkenne den Vater des Jungen, der mir heute Morgen, als wir noch dachten, der Tote hätte Unfallflucht begangen, die Tür öffnete. Der immer wieder beteuerte sein Junge würde so was nicht tun. Ich schlucke, was will der hier. Zu spät bemerke ich, dass er von da, wo er mit seinem anderen Sohn steht, auf die Stelle unter der Brücke sehen kann. Ich sehe, wie sich sein Gesicht verändert. Er kriegt einen harten Zug um den Mund. Sieht mich an.
„Ist das mein Sohn?“


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