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Ungutes Gefühl
Autorin: Janine Binder
Eingestellt am: 05.06.2005
Seite 2 von 2

Ich wälze mich herum, als ich den Schlüssel an der Haustüre höre. Er kommt rein. Sieht mich nicht an. Zieht sich wortlos aus und steigt ins Bett. Keine Begrüßung. Nichts. Ich will ihn fragen was los ist, los war. Aber er verschließt mir mit einem Kuss den Mund. Klammert sich an mich, als würde er ertrinken und ich müsste ihn retten. Ich streichle seinen Rücken, bis er einschläft. Bin verwirrt. Weiß nicht, was ich aus den Dingen, von denen er im Schlaf erzählt deuten soll. Weiß nur, dass ich ihn fest halten muss. Dann schlafe auch ich wieder ein und halte ihn fest. Ganz fest. Er ist bei mir, alles andere ist halb so schlimm.
Am Mittag werde ich von seinem Pfeifen wach. Er ist in der Küche und kocht mir Tee. Mit nackten Beinen und seinem viel zu großen Hemd an taumele ich in die Küche.
„Morgen Kleines.“ Er tut als wäre nichts gewesen. Steht mit freiem Oberkörper und seiner Shorts vor mir. Er hat einen schlimmen Kratzer an der Seite. Ok, das kommt schon mal vor in unserem Job. Hin und wieder hat man kleine Schrammen, Prellungen oder sonstige kleinere Verletzungen. Irgendwann, wenn er bereit ist zu reden, wird er mir erzählen, was gestern los war.
Aber ich täusche mich, er redet nicht. Lange nicht. Ruft mich nur jeden Abend vor meinen Nachtdiensten an und lässt mich versprechen vorsichtig zu sein und die Schussweste zu tragen.
Ich verspreche es und frage nicht weiter.
Wochen später bügele ich seine Hemden, als er gerade zum Nachtdienst aufbrechen will. Eins hat ein Loch, ein kleines aber kreisrundes Loch. Ich traue meinen Augen nicht, stecke meinen Daumen durch das Loch. Ich weiß was das ist. Die Ränder sind angeschmolzen und leicht verbrannt. Ich gehe auf ihn zu, mit dem Hemd an meinem Daumen.
Er seufzt: “Ich hätte es wegwerfen sollen!“
Ich schüttele den Kopf und halte ihm nur das Hemd mit dem Einschussloch vor die Nase.
"Ich wollte nicht, dass du es weißt. Du hättest dich nur auf geregt."
Ich hebe sprachlos wieder das Hemd und halte ihm das Loch an der rechten Seite vor die Nase.
Er beginnt zu sprechen und hält mich dabei im Arm.
„Wir sollten zu einer Ruhestörung. Als wir vor der Türe standen und noch nicht mal geklingelt hatten, schoss jemand dreimal durch die Türe, zweimal in die Wand hinter uns und einmal hat er mich gestreift. Dann hat er sich selbst erschossen.“
Ich bin fassungslos, kann nichts sagen, schaue nur immer wieder auf das Hemd. Er nimmt mich in den Arm.
„Hey, mir geht's gut, mir ist bis auf den Kratzer nichts passiert.“
Ich nicke langsam. Verstehe warum er die letzten Wochen immer wach war, wenn ich zum Nachtdienst fuhr. Verstehe seine besorgten Fragen am Telefon, ob ich auch die Weste an hätte. Er hatte sie an dem Tag nicht an und ein paar Zentimeter weiter und der Schuss hätte seine Brust getroffen.
Ich streiche über sein Hemd und fühle darunter die Weste. Er küsst mich auf die Stirn. Geht auf den Flur. Dreht sich auf dem Absatz noch mal um, wirft mir einen Kuss zu „Tschüß Kleines!“
Den Rest der Nacht sitze ich mit dem kaputten Hemd im Bett und warte darauf, seinen Schlüssel im Schloss zu hören.



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