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Der Herrgottsrichter
Autor: Herbert Schäfer
Eingestellt am: 09.03.2005
Den „Herrgottsrichter“ nannten ihn die Leute in den Dörfern seines Dienstbezirkes, weil er sich um die öffentlichen Kreuze kümmerte, die irgendwo in der Landschaft standen. Damals gab es noch viel mehr Kreuze in der Flur, an Wegkreuzungen, an Waldrändern und an anderen Orten, an denen erinnert werden sollte. Sie erinnerten an Todesfälle und Verbrechen, an erfüllte Fürbitten, Erlösung aus Not, an wundersame Hilfen aus Gefahr und Krankheit. Der Herrgottsrichter ging oder fuhr mit dem Rad gelegentlich an den Kreuzen vorbei und sah sie sich an. Nicht, dass er ein besonders frommer Mann gewesen wäre, der die Kreuze notwendig hatte, um beten zu können. Er blieb bei ihnen auch nicht lange stehen, wie alle zu berichten wussten, nicht einmal für die Dauer eines Ave. Er sprach niemals über seine Kreuzgänge, und niemand fragte ihn, und niemand verspottete ihn. Der landerfahrene Gendarm wollte nur, dass die Kruzifixe richtig und fest hingen. Sie sollten in Ordnung sein.
So, wie er dies jetzt sah, konnte der schwere Corpus nicht hängen bleiben: Der Nagelknopf in der linken Hand war abgerostet, der Arm hatte sich vom Kreuzbalken gelöst und das ganze Holzwerk neigte sich nach vorn dem Beschauer entgegen. Die Füße standen zwar noch auf dem Standklotz, aber er konnte nicht erkennen, ob der sicherlich auch angerostete rechte Handnagel allein die querziehende, zentnerschwere Last tragen könnte. Er musste die rechte Hand auf den Nagelstumpf lupfen und dann zusehen, dass der nächste Schmied den Arm sicherte. Er umfing den schweren, feldstaubigen Holzkörper, hob ihn ein wenig an, drehte ihn leicht, noch hinten, oben. Nachher wird er noch beim Dodle reinschauen, dachte er schwer atmend. Das Dodle wohnte vor den Feldern, im letzten Haus. Wenn die alte Frau sich unter dem Dach mit ihren zu kurz gewordenen Altfrauenbeinen auf einen Hocker stellt um eine Dachpfanne anzuheben, kann sie weit hinaus auf die Felder sehen. Es reicht, dass sie einen Mönch hebt um das Kreuz zu sehen. Früher schob sie mit einem Hackenstiel Mönch und Nonne mit hoch, und sie konnte das ganze Unterfeld überblicken. Dazu ist sie jetzt zu schwach, hatte sie ihm erzählt. Das alte Weible wird sich freuen, wenn es hört, dass beim Kreuz alles in Ordnung ist und der Herrgott ordentlich hängt.
Das war´s dann.
Als er wieder zu sich kam, lag er unter der schweren, kalten Brust des hand geschnitzten Herrgott, der wie immer menschenfreundlich leidend beide Arme weit ausbreitete. ER fühlte sich etwas fremd dort und brauchte einige Minuten, bis er sich erinnerte, bis er sich orientiert hatte. Der letzte Augenblick, an den er richtig denken konnte, war …ja, ja, das war als er gerade dezent, wie er meinte, geflucht hatte. Der Fluch war ihm entschlüpft, als er merkte, er werde den Herrgott nicht halten können, als der Herrgott ihn drückte und fiel und fiel und ihn genau treffen würde. In diesem Augenblick, so erinnerte er sich, hatte er noch gedacht „heute ist Fön“, denn die Alpen waren von Süden nach Norden nahe gerückt. Sie standen deutlich sichtbar wie ein gezackter Zierrand ganz weit weg über den Feldern. Er konnte noch die

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