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Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 6.12.03:

Kriminalkommissar Uhl und der Club der ermittelnden Dichter

Von Michael Ohnewald

Wie ein Wirtschaftsfahnder aus Ludwigsburg auf poetische Weise gegen den Verlust der Gefühle im deutschen Polizeiapparat ankämpft

LUDWIGSBURG
Der Polizist, dein Freund und Helfer, zeigt ungern Gefühle. Nicht selten frisst er den seelischen Kummer nach traumatischen Einsätzen in sich hinein. Kriminalhauptkommissar Volker Uhl macht das anders. Er dichtet.

Das kleine Mädchen hatte keine Chance, erwachsen zu werden. An jenem Sommerabend klingelt das Telefon auf der Wache. Volker Uhl schiebt Spätschicht. Der Kollege am anderen Ende der Leitung berichtet von einem fünfjährigen Kind, das tödlich verunglückt ist, und von einem ahnungslosen Vater, der sich irgendwo am Kocher beim Angeln entspannt. Jemand muss es ihm sagen.
Volker Uhl fährt über Feldwege am Fluss entlang. Über den Lautsprecher ruft er den Namen eines Mannes in die Dämmerung, der nicht weiß, dass man ihm an diesem Abend das Herz brechen wird. Im Polizeiwagen deutet der erfahrene Kollege neben Uhl auf einen winkenden Angler. "Sag du's ihm."
Manchmal ist es ein lausiger Job. Uhl spürt ein böses Rumoren in seinem Gedärm. Er sagt, was er zu sagen hat. Der Angler bricht zusammen.

Ich sagte ihm, dass er nie mehr
mit seiner Tochter zum Angeln kann
die Forelle zuckte noch mit den Kiemen
seine Tochter war gleich tot"

Die Zeiten mischen sich. Zwanzig Jahre nach dem polizeilichen Einsatz am Kocher fällt es Kriminalhauptkommissar Volker Uhl leichter, aus seiner Seele zu sprechen. Damals hat er nur einen Bericht geschrieben. Fakten für die Akten, sagt er. "Den Rest nimmt man mit." Und Uhl hat im Laufe seiner Karriere als Vollstrecker des staatlichen Gewaltmonopols einiges mitgenommen. Aber jetzt sperrt er seine Gefühle nicht länger ins Gefängnis.
Auf der Suche nach der Normalität in einem Beruf, der viele abstumpfen lässt, hat Volker Uhl vor einem Jahr den Club der Polizei-Poeten gegründet. Mehr als zwanzig Autoren konnte der Kriminalist für seine Seite im Internet gewinnen. Maike Trautmann, die junge Beamtin vom Revier in der Stuttgarter Innenstadt, macht mit. Auch die Offenbacher Hauptkommissarin Nikola Hahn, die mit historischen Kriminalromanen bekannt wurde. Und Jörg Schmitt-Kilian, ein ehemaliger Rauschgiftfahnder und Autor zahlreicher Bücher, unter ihnen die Biografie des Triathleten Andreas Niedrig, der es vom Junkie bis zum Ironman gebracht hat.

Auch die Geschichten der Polizei-Poeten sind vom Leben gezeichnet, genauer gesagt vom Dienstplan. Die Hauptrolle spielt nicht der heldenhafte Kommissar Schimanski, sondern der einfache Hauptmeister, der seinen Kopf wirklich hinhalten muss; der Polizist, von dem man nicht viel weiß, weil er sich nicht wichtig nimmt. Auch Volker Uhl ist einer dieser stillen Staatsdiener. Für gewöhnlich ermittelt der 41-jährige Kommissar gegen Wirtschaftskriminelle, gegen Autoschieber und Bankbetrüger. Am Wochenende hat er manchmal Bereitschaft. Wie damals, an jenem Sonntag, als in Gerlingen eine Rentnerin aus dem Leben schied.

"Sie fanden sie neben der Parkbank
es sah aus, als ob sie Mutter Erde küsste
aber das war unmöglich
mit der Pistole im Mund."

Angefangen hat Uhl 1979 bei der Polizei in Künzelsau. Sieben Jahre ist er im Streifen- und Postendienst, formuliert Ermittlungsberichte und nimmt Unfälle auf. Irgendwann hat er genug von alledem und bricht aus. Mit 24 kündigt er bei der Polizei, verkauft seine Möbel und tingelt ein Jahr durch die Welt. Sri Lanka, Nepal, China, Tibet, Thailand. Als er wieder nach Hause kommt, heuert er im Baugeschäft des Vaters an, später versucht er sich als Kneipier. Er findet auch dort nicht, was er sucht. Mit 27 klopft Uhl wieder bei der Polizei an, sehnt sich nach einem dieser Schreibtische, auf denen sich Berichte über Männer türmen, die ihre Frauen schlagen, und über Kinder, denen Drogen das Leben aus dem Gesicht geknipst hat. Uhl landet bei der Polizei in Ditzingen. Er hat das Gefühl, dass er seine Bestimmung gefunden hat. Auch wenn ihm der Beruf des Polizisten im Alltag alles abverlangt:

"Alle gewinnen, nur du nicht
du hast nichts zu lachen,
wenn du mal wieder
einen vom Strick abschneidest
deine Hose vors Haus legst
nach getaner Arbeit,
damit du die Leiche
nicht nach Hause bringst."

Volker Uhl bewirbt sich für die Polizeifachhochschule in Villingen und landet drei Jahre später in Ludwigsburg. Er ermittelt wegen Korruptionsverdacht gegen Beamte des staatlichen Hochbauamtes. Bei einem seiner Bereitschaftsdienste kommt ein Mann aufs Revier und meldet, dass er seine Frau erstochen hat. Der 50-jährige ist sich keiner Schuld bewusst. Uhl vernimmt ihn drei Stunden, während seine Kollegen am Tatort die Spuren des Verbrechens sichern. Danach schreibt Uhl zum ersten Mal auf ein Stück Papier, was er empfindet.

"Er musste erst ein Mörder werden,
um jemanden zu finden,
der ihm zehn Minuten zuhört."

Immer häufiger greift der Kommissar zur Feder. Es hat ihn gepackt. Irgend etwas löst sich in ihm. Er schreibt gegen die innere Verrohung an. Er will die Grautöne der Grünröcke sichtbar machen. Er schreibt für sich selbst und für andere. Auch als 71 Menschen, überwiegend Schulkinder, bei einem Flugzeugabsturz in Überlingen ums Leben kommen und Hunderte von Polizisten aus dem ganzen Land zur Unfallstelle gerufen werden.

"Ob die Kinder dich sehen können?
schweben ihre Seelen
über dem Sterbeort und sehen alles?
auch dich,
wie du jetzt
mit zusammengekniffenen Lippen
dastehst,
innerlich ertrinkst?
an deinen Tränen,
die in eine riesige Tropfsteinhöhle fallen,
weil du ihnen
nicht den Weg nach außen gewährst."

Uhl wird mutiger. Uhl wird Konfliktberater der Polizei, eine Art Beichtvater für die Kollegen in Ludwigsburg. Auch er hat viel zu sagen. Manchmal ringt er Stunden mit sich und den Worten. Er konfrontiert seine Frau Susanne und die drei Kinder mit seinen Texten. Den Kollegen von der Kripo trägt er bei der Weihnachtsfeier ein Stück vor. "Da ist es ganz still geworden im Saal." Nebenbei ermuntert er Kriminalbeamte quer durch die Republik, sich den Polizei-Poeten anzuschließen. Weil es Spaß macht und weil es gut tut. Ihnen und seinem Projekt. Er sammelt Gedichte und Geschichten, führt manchmal auch die Feder für Kollegen, die nicht selbst schreiben wollen, aber vieles zu erzählen haben. Alles stellt er ins Internet.

Im nächsten Jahr gibt Volker Uhl ein Buch heraus. Dietz-Werner Steck alias Hauptkommissar Bienzle schreibt das Vorwort. Ansonsten haben Poeten das Wort, die nicht nur Tatort spielen. Mit dem Buch will Uhl das Innenleben namenloser Polizisten nach außen kehren, die vor allem eines sind: ganz normale Menschen.

Stuttgarter Zeitung
(Der Abruf des Artikels aus dem Archiv der Stuttgarter Zeitung ist kostenpflichtig)



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