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Artikel in den Nürnberger Zeitung vom 09.11.2005:

Polizisten erzählen

Die erste Leiche vergisst man nicht

Dieses Buch ist besser als tausend Krimis. Aber: Warum lesen wir überhaupt Kriminalromane? Warum lesen wir ein Buch, in dem Polizisten von den schrecklichsten Dingen des Lebens berichten? Es ist unsere Faszination für „die dunkle Seite“. Der Grusel wird angenehm durch das Gefühl: Mir kann das nicht passieren, ich bin keiner von denen.
Dass wir im tiefsten Inneren wissen, dass jeder von uns binnen einer Stunde sowohl Opfer als auch Täter werden kann, wenn das Schicksal uns übel mitspielt - das ist der verborgene Kern dieser Faszination. („Herr Richter, ich wollte meine Frau nicht töten, aber als sie mir dann mitten ins Gesicht gesagt hat . . .“)
Von Magnus Zawodsky



Von einer gelegentlichen Fahrzeugkontrolle einmal abgesehen, wissen wir ja so gut wie nichts vom Polizei-Alltag. Was wir zu wissen meinen, stammt aus Krimis und ist meistens falsch, genauer gesagt: nicht ganz richtig. Nehmen wir doch etwas so „Banales“ wie die Verkehrskontrolle. Von ihr, von ihren Folgen und von seinen ersten Tagen als Streifenpolizist berichtet Ulrich Hefner aus Tauberbischofsheim.

Schläger und Trunkenbolde
Er hält einen roten Opel an, alles ist Routine, aber dann lallt der Fahrer. Als er wenig später im Polizeiwagen sitzt, weint er. Mit dem Führerschein wäre er auch seine Arbeit los, und er habe doch vier Kinder . . . Statt sich zu denken „Selber schuld, soll er nicht saufen!“, gerät Ulrich Hefner ins Grübeln. Erst gestern hat er einen brutalen Schläger festgenommen, dessen Taten dem, was man Verbrechen nennt, sehr viel näher kommen als die Trunkenheitsfahrt des Häufchens Elend, das vor ihm sitzt. Der Schläger, das hat ihm sein älterer Kollege versichert, wird mit drei Monaten auf Bewährung davon kommen. Der Opelfahrer wird arbeitslos, drastischer formuliert ist seine soziale Existenz vernichtet.

Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Diese Frage zieht sich wie ein Leitmotiv durch viele der insgesamt 44 „Geschichten, die das Leben schrieb“. Das andere Leitmotiv ist die ständige Konfrontation mit Geschehnissen, die gewöhnlichen Menschen niemals widerfahren und von deren Grauen sie sich keine Vorstellung machen können. Das Schlimmste dabei ist nicht, eine Leiche zu bergen, sondern den Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen.

Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass viele Polizisten frühzeitig in Pension gehen müssen, weil sie völlig ausgebrannt sind, und es ist auch kein Wunder, dass die Selbstmordrate bei Polizisten überdurchschnittlich hoch ist. Freilich erleben Polizisten nicht nur die Schrecken des Lebens. Auch Glücksgefühle beschert ihnen die Arbeit, und sei es „nur“ deswegen, weil sie hilflos gewordenen alten Menschen weiterhelfen können, oder weil sie jemandem zuhören, dem seit zwanzig Jahren niemand mehr zugehört hat. Oder weil sie einem alten Offizier, der zu Weihnachten auf der Straße Befehle brüllt, und zwar in einer Lautstärke, dass die Nachbarn nicht mehr feiern können, eine Flasche Glühwein und ein Päckchen Plätzchen von der Polizeifeier schenken - schon gibt er Ruhe.

Unglaubliches und Bizarres sehen Polizisten im Dienst. Da fährt ein Mensch Hunderte von Kilometern weit, nur um ein abgelegenes Dorf zu finden, an dessen Rand er sich in Ruhe aufhängen kann. Da stirbt ein alter Mann, der in schrecklicher Armut gelebt hat. Der Polizist Helmut Wetzel aus Kassel findet zwei Sparbücher bei ihm. Auf dem einen sind 300 000 Euro, auf dem anderen 800 000.

Volker Uhl, Herausgeber dieses Buches und natürlich selber Polizist, hat, wie zwischen den Zeilen deutlich zu lesen ist, wohl viele Kollegen dazu motiviert (sich die Erlebnisse von der Seele) zu schreiben. Was dabei herausgekommen ist, das ist sehr viel mehr als „Literatur der Arbeitswelt“. Es sind spannende Geschichten dabei, die durch die Trockenheit ihres Stils bestechen. Es gibt naturgemäß auch viel Kitsch.

Und es sind literarische Perlen darunter, etwa die Kurzgeschichte „Jehova oder Gottes Begegnung mit der bayerischen Polizei“ von Michael Krauss. Zwei Münchner Streifenpolizisten finden einen Mann höchst verdächtig, weil er so komisch aussieht und auf Ansprache („Ihren Ausweis bitte!“) auch noch so komisch daher redet.

Dass er aus seinem eigenen Buch, der Bibel zitiert, das können Münchner Streifenpolizisten nun mal nicht wissen. Sie nehmen ihn erst einmal auf die Wache mit. Dann lassen sie ihn, weil er ja offensichtlich harmlos ist, doch wieder laufen. Aber nur unter strengen amtlichen Auflagen! Ob er nun irgendein Spinner war oder vielleicht doch Gott, dem es einfiel, auf Erden und unter den Seinen zu wandeln, bleibt bis zuletzt offen.

Emils Weg in die Ewigkeit
Den stärksten Eindruck hinterlässt ein theoretischer Text, „Emils Weg in die Ewigkeit“ von Christian Bonnaire aus Esslingen. Er beschreibt einen „sportlichen“ Fahrer, der auf der Landstraße nur ein bisschen zu schnell ist, und der die Kurven nur leicht schneidet. Ihm kommt ein ebenso Sportlicher entgegen. Was nun geschieht, zerlegt Bonnaire in Zehntelsekundenschritte. Bei Sekunde 0,5 wird der 70 Kilo schwere Fahrer mit einer Wucht nach vorne geschleudert, die ihm das Gewicht von 973 Kilo verleiht.

Unter den Erzählungen ist übrigens auch eine aus Nürnberg. Der Hundeführer Elmar Heer schildert seine Mission für die Uno in Bosnien, wo er half, in dem vom Krieg geschundenen Land wieder eine Polizei aufzubauen. Die Hundeführer, die er ausgebildet hat, waren teilweise so arm, genauer gesagt war es ihre Dienststelle, dass sie ihre Hunde nicht einmal an Leinen führen konnten. Sie mussten Stricke nehmen.

Von diesem und anderen plastischen Details abgesehen ist aber leider gerade die Nürnberger Erzählung im Stil eines Berichtes an Vorgesetzte verfasst. Nun mag mancher denken: Polizisten müssen ja auch nicht wie Journalisten schreiben. Sie müssen nicht, aber einige von ihnen können es. Und zwar besser als viele von uns Journalisten.

Volker Uhl (Herausgeber): Die erste Leiche vergisst man nicht - Polizisten erzählen. Piper Taschenbuch, 222 Seiten, 8.90 Euro

Der Artikel in den Nürnberger Zeitung



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